104
I. Buch. Production und Consumtion.
Christenthum bezüglich der Verehelichung und der Wahl des ledigen Standes
einräumt, nicht insoweit eingeengt, daß den Eltern darüber ein Entscheidungs
recht zustünde.
Auch die Geschwister sind nach christlicher Lehre durch engere Bande mit
einander verbunden, als es die Menschen überhaupt durch diejenigen der all
gemeinen Menschenliebe sind. Sie sind durch besondere Verpflichtungen zu
gegenseitiger Hilfe verhalten, und insbesondere haben die ältern Brüder und
Schwestern den jüngern beizustehen, wenn die Eltern todt oder an der Er
füllung ihrer Pflichten verhindert sind. Dieser Beistand hat sich in der Für
sorge für die Erziehung und für die nöthigen Lebensbedürfniffe zu äußern.
Wo immer das Christenthum zur Herrschaft gelangt ist, haben diese
Lehren und Vorschriften über das Fainilienleben mehr oder weniger Früchte
getragen und tragen solche auch noch heutzutage. Hiervon kann sich ein jeder
überzeugen. Demungeachtet wird es freilich, weil nun einmal bei so vielen
Individuen die Keime des Bösen überwuchern, in jeder christlichen Nation,
auch unter sehr günstigen innern Verhältnissen, stets eine Anzahl treuloser
Gatten, pflichtvergessener Eltern und ungehorsamer Kinder geben, und werden
sich viele junge Leute in sämtlichen Bevölkerungsklassen dem Laster in die
Arme werfen. Das ist aber noch häufiger in Ländern der Fall, wo die
Gesetze und Gewohnheiten durch das Christenthum nur halb umgestaltet sind
oder wo die Verbreitung gewisser Strömungen die Folge gehabt hat, daß
der religiöse Glaube weiten Kreisen mehr oder minder abhanden gekommen
ist. Solch traurige Folgen treten besonders dann in großem Umfange zìi
Tage, wenn sich die Staatsgewalt, wie es in unserem Jahrhundert so vielfach
vorkommt, in den Dienst der Propaganda des Unglaubens stellt oder wenig
stens die Lehre und Praxis des Christenthums auch da, wo sie es ohne Ver
letzung der Toleranz recht wohl könnte, nicht genügend fördert.
Trotz aller dieser ungünstigen Einflüsse herrscht aber in vielen ^amilieit,
besonders in den Kreisen der ländlichen Bevölkerung und des kleinen Bürger
standes, noch immer ein schönes Leben christlicher Pflichterfüllung, und werden
hier bescheidene, gehorsame und den Eltern in Liebe zugethane Kinder erzogen,
die für die menschliche Gesellschaft ein werthvolles Element der Sittlichkeit und
gesunder Entwicklung zu werden versprechen. Wenn man von traurigen Aus
nahmen in einem großen Theile Englands, Frankreichs und auch in gewissen
Gegenden des protestantischen Deutschlands absieht, herrschten im größten Theile
Europas noch um die Mitte unseres Jahrhunderts solche erfreuliche Zustünde
entschieden vor. Man kann das von einer ganzen Reihe von Völkern, von
den Deutschen und Polen, den Russen und Norwegern, den Bulgaren und
den Ungarn, den Italienern, den Spaniern und Portugiesen sowie von den
Flamländern, behaupten. Ja es gab dazumal auch noch weite Gebiete in