7. Süddeutsche Industrie im Zeitalter des Merkantilismus.
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selten freigelassen war, die sie zu tragen hatten. Zur industriellen Schulung und Be
ifügung des Landvolks waren die Refugiös außerdem nur selten zu gebrauchen.
e , Um die Organisation dieser ländlichen Arbeiterschaften durchzuführen, hatte man
sJt anderes Muster: die Calwer Zeugkompagnie. In Württemberg hatte man den
eg, her im Jahre 1602 eingeschlagen worden war, nach dem Ende des Krieges mit
d^ßerem Nachdruck wiederaufgenommen. Die bürgerliche Aristokratie, die unter
li^ Form einer ständischen Verfassung in Württemberg herrschte, besaß eine inner-
Wahlverwandtschaft mit der kapitalistischen Industrie. Von alters her hatte in
db Tälern des württembergischen Schwarzwaldes die Wollenweberei ihren Sitz
^9abt und hatten die ländlichen Kleinmeister ihre Zeuge nach Calw zum Färben
^liefert. Bald nach der Wiederherstellung des Friedens ward nun die Calwer
Mrberzunft umgestaltet zu einer Fabrik- und Handelskompagnie. Durch Staatsge-
ward ein Vertrag zwischen dieser und den gesamten Webern der umliegenden
„Mise festgestellt, vermöge dessen die Kompagnie beständig Arbeit zu geben ver
fluchtet war, auch die Erteilung der Lehre über sich nahm, während die Weber in
Fabrik gebannt wurden, d. h. für sie arbeiten mußten und niemandem sonst
Zeiten durften.
f. Erstaunlich rasch gedieh das Unternehmen. Schon wenige Jahre später bezog
, le Kompagnie bereits fremdländische Wolle, und wie einst die Augsburger, so be
imischten jetzt die Calwer Handelsherren die Märkte Südeuropas.
e, Auch Landschaften, die heute zu Baden gehören, zog die Zeugkompagnie in den
^eis ihrer Tätigkeit. Sie pachtete Farbwerke, die der Abt von Gengenbach, Berg-
Mke, die der Graf von Fürstenberg im Kinzigtal angelegt hatte. Sie machte Calw
r 1 lTt Mittelpunkt der württembergischen Industrie, indem teils an sie angelehnt, teils
"ch ihrem Vorbild eine Reihe anderer Handelsgesellschaften daselbst entstanden.
Es ist ein denkwürdiges Schauspiel, wie diese beiden deutschen Landschaften, die
illeicht unter allen am meisten vom Dreißigjährigen Kriege gelitten hatten, die
Malz und Württemberg, sich am raschesten erholten und fast in demselben Augenblick,
u sie aus der äußersten Zerrüttung ihre Kräfte sammelten, auch schon mit kühnem
Wagnis in die Ferne griffen, um außerhalb Deutschlands den Absatz für ihre Pro
dukte zu suchen. Dennoch spiegeln sie die beiden Gegenpole deutschen Lebens wieder.
der Pfalz wird das freisinnige reformierte Beamtentum hingerissen von dem
persönlichen Zauber eines geistvollen Fürsten, der sich in den gewagtesten Ideen eines
ne Uen Zeitalters bewegt; ein Land ohne Stände, ohne verfassungsmäßige Rechte,
"der zugleich bewohnt von einem Volke, leichtlebig und unternehmungslustig, das die
"Wirtschaftliche, gesellige, religiöse Freiheit wie kein anderes genießt. Dieses Land,
dieses Volk öffnen sich der hugenottischen Einwanderung, die hier Glaubensverwandte
antraf und ein völlig neues Bürgertum schuf.
In Württemberg dagegen sehen wir einen ständisch-patrizischen Staat, der
immer am besten gedieh, wenn er untätige und leichtsinnige Fürsten an seiner Spitze
sah. Das alte Bürgertum, welches auch die Beamtenschaft nur als seinen Ausschuß
ansieht, bedeutet hier alles; streng geregelt nach der Schnur, wie sie die lutherische
Orthodoxie und eine minutiöse Gesetzgebung gezogen haben, verläuft sein Leben;
eifersüchtig schließt es sich gegen alles Fremde ab; aber es liegt genug Talent und
Tatkraft in ihm selber, um das ungestraft tun zu können. — Nie hatten schwäbisches
und fränkisches Wesen so scharf ihre Eigentümlichkeiten entwickelt als in dieser Zeit,
die doch aller deutschen Eigenart ein Ende zu machen schien!