Full text: Volkswirtschaftliches Quellenbuch

122 Zweiter Teil. Handel. V. Handelsunternehmung rc. 
nehmers macht es notwendig, daß die Gehilfen äußerlich auf dem Lebensniveau der 
mittleren bürgerlichen Klaffe bleiben; sie können also nicht auf das Existenzminimum 
der gewöhnlichen Arbeiter herabgedrückt werden. Auch wird ein Kaufmann nicht 
daran denken, seine Gehilfenstellen an die Mindestfordernden auszubieten. Ganz 
selbstverständlich ist dies zu jederzeit von denjenigen Stellen, die mehr oder weniger 
den Charakter von Vertrauensposten besitzen. Für diese bestimmt sich auch das Gehalt 
immer nach durchaus individuellen Faktoren. Die Gehilfen in den kleineren Ge 
schäften und die ganze Klasse der Ladengehilfen allerdings stehen durchschnittlich mit 
ihrem Gehalte nicht viel besser als gut bezahlte ausgebildete Lohnarbeiter, und die 
höheren Anforderungen, denen sie in bezug auf Kleidung und Äußeres genügen 
müssen, bilden für sie eine besondere Belastung. Zu diesen Kreisen, die sich größten 
teils aus den oft ungenügend vorgebildeten Söhnen des unbemittelten Gewerbe- und 
Handwerkerstandes rekrutieren, hat sich in der neueren Zeit einerseits infolge der 
zunehmenden Überfüllung und andererseits durch die auf Verkürzung der Arbeitszeit 
gerichteten Bestrebungen der Boden für eine „soziale Frage im Kaufmannsstande" 
gefunden, die übrigens auch viele Kontorgehilfen berührt und auch auf die fachge 
nossenschaftliche Vereinsbildung unter den Handelsgehilfen einen bedeutenden Einfluß 
ausgeübt hat. 
Wollte man sich auf den Standpunkt der M a r x s ch e n Lehre stellen, so müßte 
man sagen, daß das Handelskapital sich nicht unmittelbar durch Ausnutzung der pro 
duzierenden Arbeiter „Mehrwert" aneigne, sondern daß es aus der Gesamtmenge 
des Mehrwertes, der zunächst in die Hand der unmittelbar an der Produktion be 
teiligten kapitalistischen Unternehmer gelangt, einen gewissen, nach seiner Größe 
bemessenen Anteil für sich in Anspruch nehme. Mit andern Worten: das Handels 
kapital erzielt nach der Seite der Produktion hin seinen Gewinn hauptsächlich im 
Jnteressenkamps mit anderen kapitalistischen Unternehmern, nicht aber in einem un 
mittelbaren Ringen mit den Interessen der Lohnarbeit. Der Handelsunternehmer kauft 
nicht die Arbeit selbst möglichst billig auf, um das Produkt derselben möglichst teuer zu 
verkaufen, sondern er sucht den Preis des fertigen Erzeugnisses der kapitalistischen 
Produktion beim Einkauf möglichst herabzudrücken, um beim Verkauf möglichst viel 
daran zu gewinnen. Demnach steht der Handel außerhalb des Bereichs der unmittel 
baren sozialen Konflikte; der zwischen Kapital und Kapital geführte Kampf kann zwar 
für den einzelnen bald auf der einen, bald auf der anderen Seite sehr empfindlich 
werden, aber nicht zu einem Klassengegensätze führen. Diese Stellung des Handels 
zur unmittelbaren Produktion hat ohne Zweifel dazu beigetragen, daß er nicht nur 
im Altertum und Mittelalter, sondern auch in unserer Zeit so häufig vom sittlichen, 
sozialen oder wirtschaftlichen Standpunkte einer ungünstigen Beurteilung unterzogen 
worden ist. Der Segen der Arbeit schrumpft, wie G. C o h n sagt, für den Kaufmann 
zusammen zu der alles andere ausschließenden Berechnung des wohlfeilen Einkaufs 
und des vorteilhaften Verkaufs. Bei dem Betriebe der Landwirtschaft oder der In 
dustrie mag das rechnende Eigeninteresse mit nicht geringerer Intensität wirksam sein 
als beim Handel, aber es wird für die äußere Beurteilung mehr verdeckt durch die 
mit ihm zusammengehende augenfällig auf Ausbeutung der Natur und Hervor 
bringung neuer nützlicher Dinge gerichtete Tätigkeit. Trotz dieses ungünstigen 
Scheines kommt dem Handel eine bei der gegebenen Gesellschaftsordnung unentbehr 
liche und ebendeswegen auch produktive Funktion zu.
	        
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