2. Gedanken über die Ausbildung des jungen Kaufmanns. 143
Arbeiten in das Geschäft aufgenommen. Der Prinzipal übernimmt jedoch keine
Verpflichtung, für ihre Ausbildung zu sorgen. Die Niederlande haben kein Lehrlings
system. Man bedient sich dort der Gehülfen, welche nicht besonders für das Geschäft
ausgebildet werden. Die längste Lehrzeit hat Japan, nämlich 10 Jahre; davon sind
die 3 ersten der Aushülfe im persönlichen Dienste des Lehrherrn gewidmet, die
weiteren 7 Jahre werden im Geschäfte zugebracht. Vielfach üblich sind dort Spar
kassen, in welchen der Lehrherr zur späteren Selbständigmachung des Lehrlings ein
Kapital ansammelt. —
Es ist aus diesen kurzen Angaben zu ersehen, daß auf diesem Gebiete ein Zu
stand starker Ungleichmäßigkeit besteht. Die Lehrlinge werden vielfach als billige
Arbeitskräfte benutzt, die, da sie keine besonderen Kenntnisse mitbringen, nur gering
entschädigt zu werden brauchen. Das Gemeinsame und Charakteristische des Lehr
verhältnisses in den verschiedenen Ländern ist das Prinzip, daß sich beide Teile auf
eine Reihe von Jahren gegenseitig verpflichten.
Wenn wir nun fragen: Was braucht der junge Kaufmann heute zu seiner Aus
bildung? so müssen wir mit recht abweichenden Ansichten rechnen.
1. Die niedrigste Auffassung ist die, daß, namentlich für den jungen Kaufmann
in kleinen Städten und auf dem Lande, die Vorbildung eine möglichst geringe sein
soll, und zwar lediglich aus dem Grunde, weil der besser Vorgebildete sich in den
kleinen Verhältnissen unglücklich fühlt und hinaus will. Man meint, es sei besser,
in ihm nicht erst das Streben nach etwas Höherem zu wecken.
Diese kleinliche Auffassung tritt wohl nur hie und da hervor, sie ist mir aber
doch mehr als einmal begegnet.
2. Eine andere Ansicht, die schon bedeutend höher steht und anscheinend viel
für sich hat, meint, der Kaufmann könne nur durch die Praxis ausgebildet werden.
Man führt hier mit Vorliebe das Beispiel von dem Hausierer an, der an Kennt
nissen so wenig besaß wie au Kapital, und der nur durch seine kaufmännische Be
gabung emporgekommen sei.
Diese Beweisführung ist aber wenig stichhaltig, denn sie vergißt anzuführen,
wo die große Masse derer hingekommen ist, die nichts vor sich gebracht haben.
Das Unnötige oder überflüssige theoretischer kaufmännischer Ausbildung behaupten
wollen, wäre ebenso, als wenn man sagen wollte: Weil es geniale Maler, Musiker,
Techniker gegeben hat, brauchen wir keine Malerakademien, Musikschulen und
technischen Hochschulen. Daß es immer besonders gut beanlagte und besonders
praktische Naturen geben wird, die lediglich aus sich selbst heraus es zu etwas bringen,
ist natürlich. Nur muß man auch hier noch fragen: Wie viel weiter würden sie
noch gekommen sein, wenn ihre Anlagen die richtige geordnete Entwicklung und Aus
bildung erfahren hätten? Wie viel mehr hätten sie leisten können, wenn sie mit der
mühsamen Selbsterziehung nicht so viel Zeit verloren haben würden? Die Er
ziehung und Unterweisung gibt uns nichts, was wir nicht aus uns selbst haben
könnten, aber sie gibt uns das alles viel schneller und ohne daß wir Schaden an
uns selbst nehmen. Man sollte sich vergegenwärtigen, daß ein geborener Kaufmann
sicherlich in rasendem Tempo alle Erfahrungen der anderen bei Gelegenheit in
seinem Gehirn verarbeiten, die Nutzanwendungen schneller ziehen und mit einem
instinktiven Gefühl aller Schwierigkeiten Herr werden kann, daß aber die große
Masse diese Fähigkeit nicht besitzt, und daß es für diese eine Wohltat ist, wenn sie
die Erfahrungen, die andere gemacht haben, in theoretisch-systematischer Weise vor
geführt bekommen, damit sie ihrerseits wohlvorbereitet an den Beruf herantreten
können.
3. Im Gegensatz zu dieser ausschließlich die praktische Ausbildung befür-
mortenden Auffassung steht eine dritte, welche meint, der Kaufmann solle nur auf