224 Zweiter Teil. Handel. IX. Märkte und Messen.
ländern, die ehedem in Breslau alle die feinen Wollen fanden, deren sie bedurften,
heutzutage fast ganz aufgehört hat und die wegen Unrentabilität ohnehin fchon sehr
eingeschränkte Produktion immer weiter im Rückgang begriffen ist.
So hat das 19. Jahrhundert, wie den Leinwand- und Tuchhandel, auch diesen
Zweig des schlesischen kommerziellen Lebens in seinem Verlaufe seiner einstigen
großen internationalen Bedeutung verlustig gehen sehen. Der Breslauer Handels
platz hat dadurch Schläge erlitten, von denen er sich vielleicht nie wieder erholen wird;
denn selbst die glänzende Entwickelung der schlesischen Montanindustrie hat die für den
internationalen Verkehr unstreitig sinkende Bedeutung Breslaus, das im Inlande
von dem Übergewicht Berlins mehr und mehr erdrückt wird, nicht aufzuhalten
vermocht.
4. Der Musterlagerverkehr der Leipziger Messen.
Von Paul Leonhard Heubner.
Heubner, Der Musterlageroerkehr der Leipziger Messen. Tübingen, H. Laupp, 1904.
S. 1 und S. 66 ff.
Der Großhandelsverkehr der Leipziger Messen vollzieht sich heute für die Er
zeugnisse der Keramik, der Glas-, Metall-, Kurz-, Galanterie-, Spielwaren- und ver
wandten Industrien in der Form des Musterlagerverkehrs. Diese Form des Verkehrs
besteht darin, daß von den Verkäufern zur Messe nur Muster der zu verkaufenden
Waren ausgestellt werden und von den Einkäufern nach diesen Mustern gekauft
wird, wogegen die Waren selbst auf der Messe gar nicht erscheinen, sondern an den
Empfänger von ihrem Lagerungs- und Herstellungsart aus gelangen.
Dieser Musterlagerverkehr bietet Käufern und Ausstellern die folgenden
Vorteile:
Von Wichtigkeit für die Käufer ist zunächst die Vereinigung so zahlreicher
verschiedener Geschäftszweige, die sie in den Stand setzt, schnell und bequem ihren
Bedarf an Waren der verschiedensten Gattungen zu decken. Die große Mehrzahl der
Meßeinkäufer, der inländischen sowohl wie der ausländischen, führen gleichzeitig Er
zeugnisse mehrerer Produktionszweige, entweder, wie viele Großhandlungen und
Spezialgeschäfte, Waren gleicher Verwendungsart, aber verschiedener Herstellung,
z. B. Kunst- und Luxusgegenstände aus Porzellan, Glas, Metall, Holz usw., oder,
wie die meisten sog. Kurz-, Galanterie- und Spielwarengeschäfte, Waren aus verschie
denem Material und für verschiedene Gebrauchszwecke zugleich. Ähnlich wie in der
großen Zahl der zur Ausstellung gelangenden Warengattungen begegnet der Käufer
einer außerordentlichen Mannigfaltigkeit weiter auch in dem Angebot innerhalb des
einzelnen Industriezweigs, das für denselben Artikel oft einem Wettbewerb Dutzender
von Lieferanten entspringt.
Die durch die Messe gegebene Vereinigung so zahlreicher Industrieller der
beteiligten Branchen schließt für den Käufer neben der gebotenen reichhaltigen Aus
wahl an sich den weiteren Vorteil ein, daß diese Auswahl innerhalb der Meßstadt
wiederum auf das räumlich nur wenig ausgedehnte eigentliche Meßviertel und zum
weitaus größten Teile auf eine beständig wachsende Anzahl großer Meß-Ausstellungs
gebäude konzentriert ist, deren jedes für sich allein mehrere Hunderte von Ausstellern
aufnimmt. Wollte ein Waren aller Gattungen kaufender Meßbesucher die zur
Messe anwesenden Verkäufer, deren Ausstellungen er bei seinem Rundgang durch
die Musterlager in rascher Aufeinanderfolge in Augenschein zu nehmen vermag,
nacheinander einzeln an ihren Herkunftsorten aufsuchen, würde er mehrere Jahre
hindurch ununterbrochen zu reisen haben. Nicht viel anders liegen die Verhältnisse