Full text : Volkswirtschaftliches Quellenbuch

1.  Die  Stellung  der  Versicherung  im  Wirtschaftsleben.  311
Diese  Bedeutung  der  Versicherung  für  das  Kreditwesen  ist  hinsichtlich  der
Feuerversicherung  wie  der  Lebensversicherung  erkannt  und  ausgenutzt  worden.  Aber
zweifelsohne  besteht  noch  bei  einer  ganzen  Reihe  sonstiger  Versicherungszweige  die
Möglichkeit,  sie  zugunsten  des  Kredites  des  Versicherten  zu  verwerten,  ein  Umstand,
der  bei  der  allgemein  zunehmenden  Kreditwirtschaft  von  noch  nicht  genügend  beachteter ­
  Wichtigkeit  ist.
Volkswirtschaftlich  ungleich  wertvoller  ist  es  naturgemäß,  den  Eintritt  eines
schädigenden  Ereignisses  zu  vermeiden,  zu  unterdrücken.  Nur  durch  die  Unterdrückung ­
  wird  ein  Nationalverlust  vermieden.  Aber  einmal  ist  zu  beachten,  daß
Meidung  und  Unterdrückung  von  Verlusten  durchaus  nicht  immer  möglich
ist,  und  dann,  daß  die  Versicherung  selbst  häufig  genug  eine  vorbeugende  Wirkung
ausübt,  zu  größerer  Vorsicht  und  Wirtschaftlichkeit  erzieht.  So  ist  der  Feuerversicherung ­
  das  Erreichen  einer  größeren  Feuersicherheit  in  erheblichem  Maße  zu
verdanken.
Sehr  beachtenswert  ist  auch  die  enge  Verbindung  des  deutschen  Versicherungswesens, ­
  insbesondere  der  Transport-,  Feuer-  und  Rückversicherung  mit  ausländischen ­
  Volkswirtschaften,  man  kann  wohl  sagen,  mit  der  gesamten  Weltwirtschaft. ­

Jede  Versicherungsunternehmung  ist  ihrer  Natur  nach  darauf  angewiesen,
einen  möglichst  großen  Bereich  von  Teilnehmern  zu  umfassen,  häufig  genug  über
die  Grenzen  des  Staatsgebietes,  in  welchem  sie  ihren  Sitz  hat,  hinauszugehen.  Die
ältesten  großen  deutschen  Anstalten  haben  ihren  Sitz  gerade  in  kleinen  Bundesstaaten.
Durch  das  überschreiten  der  Landesgrenzen  entstehen  enge  Beziehungen  zu  fremden
Staaten.  Die  mehr  oder  minder  mächtigen,  häufig  genug  überaus  kapitalstarken
Anstalten  bekommen  Interesse  an  friedlichem  Verkehr  unter  den  verschiedenen
Nationen  meist  schon  deshalb,  weil  sie  oft  Millionen  in  ausländischen  Grundstücken
oder  Staatspapieren  angelegt  haben.
Als  Deutschland  noch  ungeeint,  ohne  eine  Marine  dastand,  als  die  deutsche
Handelsflotte,  an  Zahl  und  Ansehen  unbedeutend,  häufig  genug  unter  fremder  Flagge
die  See  durchkreuzte,  waren  durch  das  Mittel  der  Seeversicherung  gewaltige  Summen
deutschen  Kapitals  bei  der  Schiffahrt  der  großen  seefahrenden  Nationen  beteiligt.
Auch  die  Beteiligung  der  deutschen  Anstalten  an  der  Feuerversicherung  des  Auslandes ­
  ist  schon  viele  Jahrzehnte  alt.  Wenn  heute  irgendein  Dampfer  untergeht,
auf  welchem  Meere  immer  es  sein  mag,  wenn  heute  in  San  Francisco  eine  Feuersbrunst ­
  ausbricht  oder  in  Buenos  Aires:  die  deutsche  Versicherung  ist  meist  ebenso
sinanziell  daran  interessiert,  wie  einheimische  Gesellschaften.
Es  ist  selbstverständlich,  daß  die  Versicherung,  wie  jede  menschliche  Einrichtung,
nicht  nur  Lichtseiten,  sondern  auch  dunkle  Schattenseiten  aufzuweisen  hat.
Den  Anreiz,  sich  auf  Kosten  der  anderen  einen  Vorteil  zu  verschaffen,  einen  Verlust
3U  erheucheln,  eine  Krankheit  zu  simulieren  und  hierdurch  eine  bestimmte  Ersatzsumme
Zu  erschwindeln,  kann  man  schon  ebenso  früh  wahrnehmen,  als  das  Gegenstück,  daß
lemand  Beiträge  zu  Versicherungszwecken  erheben  läßt  und  unterschlägt.  Wir
baden  auch  Gelegenheit  festzustellen,  daß  in  vielen  Fällen  die  Fahrlässigkeit  und  der
Leichtsinn  dadurch  erhöht  wurde,  daß  jemand  in  der  Überzeugung  lebte,  ihn  könne
kein  Verlust  treffen,  weil  man  ihm  die  Folgen  eines  etwaigen  Schadens,  den  feine
Nachlässigkeit  verschuldet  habe,  zu  ersetzen  verpflichtet  sei.
Aber  mit  der  Aufklärung  der  Menschen  über  die  sozialen  Vorteile  der
Versicherung,  über  den  hohen  Wert  gegenseitigen  Beistandes,  muß  die  Achtung  vor
dieser  Einrichtung  zunehmen  und  das  Pflichtgefühl  jedes  einzelnen  allen  anderen
^ersicherungsteilnehmern  gegenüber  wachsen.  —
            
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