2. Zur Geschichte und Charakteristik des Versicherungswesens. 313
Kontinent, insbesondere in Deutschland, zu einer ganz anderen Entwickelung der
Feuerversicherung geführt hat als in England selbst. Hier brachte er die Einführung
vieler mächtiger Aktienunternehmungen, bei uns die Verwirklichung der von zahl
reichen Schriftstellern geforderten öffentlichen Feuerversicherung, als deren erstes
Unternehmen die Hamburger General-Feuerkasse vom Jahre 1677 zu bezeichnen ist.
Das Beispiel Hamburgs nachzuahmen, mißlang dem Großen Kurfürsten. Dagegen
wurden in Preußen eine Reihe Sozietäten mit örtlich begrenztem Gebiet errichtet,
die erste 1718 in Berlin.
Die Gründung zahlreicher weiterer Sozietäten wurde namentlich unter Friedrich
dem Großen mit vielem Eifer betrieben. Es waren die Gedanken des Merkantilis
mus, welche das Entstehen der öffentlichen Feuerversicherung in Deutschland be
wirkten. Mit dem Aufkommen individualistischer Grundsätze entstanden in Deutsch
land, zumal England ein geeignetes Vorbild bot, gegenüber den öffentlichen Anstalten
private Aktiengesellschaften. Die erste wurde 1812 in Berlin errichtet. 1821 ent
stand die erste moderne große Feuerversicherungsanstalt auf Gegenseitigkeit in
Deutschland, die Gothaer Feuerversicherungsbank. Zunächst machten sich die private
und die öffentliche Organisation der Feuerversicherung keinen wesentlichen Wett
bewerb, weil letztere fast nur die Jmmobiliar-, erstere nur die Mobiliarversicherung
betrieb. Um so schärfer wurde der Wettbewerb im weiteren Verlaus der Ent
wickelung.
Wenn die moderne Lebensversicherung erst um nahezu 100 Jahre
später entstanden ist als die See- und Feuerversicherung moderner Art, so liegt dies
einmal an dem Umstand, daß die Lebensversicherung weit mehr als die Feuer- und
Seeversicherung auf wissenschaftlichen Grundlagen aufgebaut ist, alsdann aber wurde
ihre Ausbildung durch die Gesetzgebung früherer Jahrhunderte gehindert, welche
Zinsennehmen, Spiel und Wette verbot und die Lebensversicherung zufolge ihrer
oft geradezu verbrecherischen Auswüchse nicht immer mit Unrecht als Wette oder
gemeingefährliche Spekulation ansah.
Alle Lebensversicherungspläne und -versuche bis nahe an das Ende des
18. Jahrhunderts, die zahlreichen Kassen von geistlichen Bruderschaften, der Frei
maurerorden, Knappschaften usw. entbehrten desjenigen Moments, welches allein
imstande ist, einen rationellen Betrieb zu ermöglichen: genauer mathematisch-
statistischer Grundlagen, der Sterblichkeitsforschung. Erst hierauf konnte sich die
Lebensversicherungsanstalt modernen Gepräges erheben.
Die Wiege der modernen Lebensversicherung hat in England, in London ge
standen, und zwar ist die im Jahre 1762 gegründete Equitable Society die erste
auf wissenschaftlichen Prinzipien beruhende Lebensversicherungsanstalt im modernen
Sinne. Die vorher ins Leben getretenen Tontinengesellschaften (bei denen das am
längsten lebende Mitglied die Einlagen der übrigen erbte) und sonstige Einrichtungen
sind als Versicherungen nicht zu betrachten. Nach Gründung der Equitable steigt
die Zahl der englischen Lebensversicherungsgesellschaften unaufhörlich. 1830 zählt
England bereits 35 größere Anstalten, darunter eine große Zahl unsolider Grün
dungen.
Die Entstehung des Lebensversicherungsgewerbes in Deutschland ist auf drei
Ursachen zurückzuführen: auf das fortgesetzte Zusammenbrechen zahlreicher kleiner
Sterbekassen, auf die Beeinflussung durch die englischen Beispiele und auf die Rege
lung der Versicherung durch das Preußische Landrecht von 1794.
Der erste Versuch der Errichtung einer Lebensversicherungsanstalt in Deutsch
land wurde 1806 in Hamburg unternommen. An die Jahre 1828/29 knüpft sich die
Entstehung der ersten deutschen Versicherungsanstalt, der Lebensversicherungsbank
für Deutschland zu Gotha (jetzt Gothaer Lebensvtzrsicherungsbank a. G.). Um den