Full text: Volkswirtschaftliches Quellenbuch

2. Die industrielle Aristokratie. 
379 
Bergbau, Hütten- und Salinenwesen, Torfgräberei 1675 
Industrie der Steine und Erden 2 922 
Metallverarbeitung 2 832 
Industrie der Maschinen, Instrumente und Apparate 3 409 
Textilindustrie 4 217 
Industrie der Nahrungs- und Genußmittel 2 296 
Baugewerbe 5 332 
Die ungeheure Steigerung der Mittel des Unternehmertums läßt sich ahnen, 
wenn man die Wertstatistik der Produktion einiger montanen Industriegebiete sich 
vorführt. Die Ziffern bedeuten Millionen Jl: 
1888 
1898 
1908 
1911 
Steinkohlen 
341 
710 
1522 
1573 
Braunkohlen 
41 
73 
181 
183 
Kalisalze 
15 
30 
71 
107 
Eisenerze 
40 
61 
100 
115 
Roheisen im Hüttenbetrieb . . 
191 
379 
715 
851 
628 1253 2589 2829 
Wenn eine so kurze Spanne Zeit genügt hat, um derartige Wertsteigerungen 
des Umsatzes hervorzurufen, so ergibt sich, wieviel Zuwachs an volkswirtschaftlicher 
Macht in wenigen Jahrzehnten im Gebiet des großinduftriellen Unternehmertums sich 
anhäuft. Es häuft sich in den Großstädten und Jndustriebezirken ein Vermögen, das 
allen Besitz der Agrararistokratie in den Schatten stellt. Das in Preußen der Er 
gänzungssteuer unterworfene Vermögen wuchs in den Städten zwischen 1895 und 
1911 um mehr als 26 Milliarden Jl, auf dem Lande um fast 14 Milliarden. Die 
Gesamtsumme dieses Vermögens ist in den Städten 64 437 Millionen Jl, auf dem 
Lande 39 482 Millionen Jl, wobei zu bedenken ist, daß viel mehr industrielles Ver 
mögen auf dem Lande als agrarisches Vermögen in der Stadt versteuert wird. 
Während das Vermögen der vier Provinzen Ostpreußen, Westpreuhen, Pommern und 
Posen zusammen nur 11100 Millionen Jl ausmacht, hat allein der Regierungsbezirk 
Potsdam 12 544 Millionen, der Regierungsbezirk Düsseldorf 9 312 Millionen und 
der Stadtkreis Berlin 8 239 Millionen Jl. Dieses Vermögen hat den mammonistischen 
Trieb, sich vermehren zu wollen. Dazu braucht es immer neue Anlagen, und zwar 
Industrieanlagen, Hypothekenanlagen, Staatsschulden im Inland und Ausland. Es 
verlangt nach Gründungen, Bauten, Maschinen, Schiffen, Plantagen, nach immer 
neuen Formen von Geschäften. Wenn irgendwo und irgendwie der Schlaf über ein 
Wirtschaftsgebiet sich legen will, da genügt das eine Wort „Geld", um es zu wecken. 
Alle Berge müssen ihre Schätze hergeben, alles Ausland muß Tribut zahlen, Millionen 
Arbeiter müssen früh aufstehen und lange Stunden arbeiten, endlose Güterzüge müssen 
fahren, Polen werden zu Hunderttausenden nach Westfalen verfrachtet, neue Bedarfs 
artikel kommen auf, neue Städte entstehen, — alles, weil das Kapital der neuen 
Aristokratie wachsen will. Der Kapitalismus ist mit Gewalt gekommen, später als 
nach Frankreich und England, aber stürmischer. Vom deutsch-französischen Kriege an, 
vom Milliardensegen her, begann das arme Deutschland reich zu werden. Heute 
schon sagt man, es sei reicher als Frankreich, und wenn es bis jetzt noch nicht reicher 
ist, so werden weitere zehn Jahre genügen, es dazu zu machen. Einst gab es Schlösser 
nur in den Residenzen und auf Rittergütern, jetzt ist jede große Stadt von einem 
Gewinde feiner Villen umgeben, deren beste unsere Vorfahren Schlösser genannt 
haben würden. Vor einem Menschenalter reiste der Engländer allein in sonnige 
Fernen, jetzt gibt es kein Klima, wo nicht deutsches Geld zu klirren beginnt. Der indu 
strielle und kommerzielle Gewinn schafft Menschen, die als Motto haben: „Leben
	        
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