5. Die Eisenindustrie.
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Grundbedingungen hierfür vorhanden waren. Eisenerze boten die Berge, Holz
kohlen die Waldungen, Betriebskräfte die vielen kleinen Flüsse und Bäche, welche auf
den Höhen entspringen. Im Einklang mit den damaligen Gebräuchen bildete sich
ein vollständig zunftmäßiger Eisenhüttenbetrieb aus, der teilweise bis in die erste
Hälfte des vorigen Jahrhunderts bestand. Die ersten genauen Nachrichten stammen
aus dem 15. Jahrhundert. Am 22. Juli 1443 wurde die älteste bekannte landes
herrliche Verordnung über den Eisenhüttenbetrieb gegeben. Im Jahre 1478 schlossen
Graf Johann von Nassau und Graf Gerhard von Sayn einen Vertrag, wonach die
beiderseitigen Untertanen sich eidlich verpflichten sollten, außerhalb der Grafschaften
Nassau und Sayn die Schmelzkunst nicht zu lehren bei Verwirkung des Leibes und
Lebens. Die noch in Betrieb befindliche Hainerhütte bestand schon 1492.
Das Siegerland ist mit Recht von alters her berühmt wegen seiner reinen
manganhaltigen Eisensteine, die sich besonders zur Darstellung von Spiegeleisen und
hochwertigem Puddeleisen eignen. Die Erze werden teils an Ort und Stelle ver
schmolzen, teils den rheinisch-westfälischen und anderen Hochöfen geliefert. In der
Hochbewegung des Jahres 1899 sind mehrere der dortigen Hochöfen in den Besitz von
westfälischen Werken übergegangen, weil diese sich bei der Knappheit an Roheisen
ihren Bezug sichern wollten. Demgegenüber hat im Siegerland die Verarbeitung
des Roheisens im Martinofen nicht unerheblich zugenommen. Das Siegerland ver
braucht selbst nur etwa die Hälfte seiner Förderung; die andere Hälfte geht nach dem
Niederrhein und Westfalen, neuerdings auf Grund der sehr ermäßigten Frachtsätze
auch nach Oberschlesien, wogegen ungefähr die gleichen Mengen aus dem Lahn- und
Dillgebiet bezogen werden.
Die Hauptförderung an Dill und Lahn im ehemaligen Herzogtum Nassau
besteht aus Roteisensteinen, welche ebenfalls teils zu trefflichem Gießereiroheisen in der
Nähe, teils in Rheinland-Westfalen zur Verhüttung gelangen.
Das Vorkommen toniger Sphärosiderite und roter Toneisensteine innerhalb
des Saarbrücker Steinkohlengebirges gab die erste Veranlassung zur Entwicklung
des Eisenhüttenbetriebes an der Saar, welcher jetzt seinen Erzbedarf fast ganz aus
Lothringen und Luxemburg bezieht. In den Schlackenhalden aufgefundene römische
Münzen hat man als Beweis dafür angesehen, daß schon zur Zeit der Römerherrschaft
Eisenhütten dort betrieben worden sind; im Jahre 1514 wurden in dem Eisenwerk zu
Wiebelskirchen eiserne Töpfe, Öfen, Geschütze und Kugeln gegossen, es hatte sich also
dort in jener Zeit bereits der Übergang von der unmittelbaren Erzeugung schmied
baren Eisens aus Erzen zum Hochofenbetrieb vollzogen. Der Dreißigjährige Krieg
brachte auch den Eisenwerken an der Saar schwere Schädigungen. Das Neun-
kirchener Werk wurde 1635 durch lothringisch-spanische Truppen vollständig zerstört.
Erst in der zweiten Hälfte des verflossenen Jahrhunderts nahm die Entwicklung der
Eisenindustrie an der Saar wieder einen günstigeren Verlauf, zuerst nur zögernd,
dann aber nach dem Großen Kriege und vor allem nach Einführung des Thomasver
fahrens mit glänzendem Erfolg. Heute liefert der Saarbezirk etwa 8 % der deutschen
Roheisenerzeugung und steht damit unter den deutschen Eisenindustriebezirken an
dritter Stelle.
Der Aufschluß der Minetteerz-Ablagerungen in Luxemburg, Loth
ringen und ihren Ausläufern nach Frankreich und Belgien veranlaßte in diesen und
den Nachbargebieten einen großartigen Aufschwung des Eisengewerbes. Lothringens
und Luxemburgs Eisenerzförderung hat in kurzer Zeit alle anderen Bezirke Deutsch
lands überflügelt, sie betrug im Jahre 1910 fast 80 % der Gesamtförderung, und
auf den dortigen Vorräten beruht die Zukunft der deutschen Eisenerzindustrie.
Nach der Schätzung von K o h l m a n n ist der Erzvorrat von Deutsch-Lothringen auf
annähernd 1800 Millionen t zu veranschlagen, so daß er unter Zugrundelegung der
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