Full text : Volkswirtschaftliches Quellenbuch

890  Dritter  Teil.  Industrie.  II.  Bausteine  zur  Würdigung  der  deutschen  Industrie.
Schwefel,  zum  Teil  auch  Phosphor,  vereinzelt  Ammoniaksalze.  Diese  Fabrikationszweige ­
  wurden  in  einer  verhältnismäßig  kleinen  Anzahl  von  Betriebsstätten  und  in
einem  vielfach  auch  nur  mäßigen  Umfang  ausgeübt.
Zu  Anfang  des  19.  Jahrhunderts  hatte  sich  in  England  und  Frankreich  die
chemische  Großindustrie  schon  viel  mächtiger  entwickelt,  da  dort  die  als  Konsumenten
für  chemische  Produkte  besonders  in  Betracht  kommenden  Industriezweige  vorangeeilt
waren.  Außerdem  gab  in  Frankreich  die  Fabrikation  feinerer  Qualitätsseisen  und
Parfümerien  mannigfache  Anregung.
Damals  kam  die  Verwertung  pflanzlicher  Alkaloide  zu  Heilmitteln  auf,  z.  B.
1817—20  die  von  Morphium,  Strychnin,  Chinin,  von  Nikotin  1828,  von  Atropin
1833.  In  der  Folge  bemächtigte  sich  namentlich  Deutschland  der  Massenfabrikation
dieser  Artikel;  für  die  von  Chinin  wurde  Deutschland  zum  Hauptsitz;  ebenso  für  die
künstliche  Darstellung  des  Ultramarinstoffes,  die  in  den  zwanziger  Jahren  emporblühte. ­

Als  erster  Zweig  der  neu  erschlossenen  chemischen  Technik  entwickelte  sich  die
Darstellung  der  starken  Mineralsäuren  und  Alkalisalze.  Dies  find  die  unentbehrlichen
Betriebsmittel  der  Chemie,  die  in  reichem  Maße  zur  Verfügung  stehen  müssen,  wenn
irgendwelche  chemische  Arbeit  verrichtet  werden  soll.  Es  ist  daher  kein  Wunder,  daß
gerade  diese  Industrie  der  Säuren  und  Alkalien  am  schnellsten  einen  großen  Umfang
erreichte.  Man  hat  sie  als  die  chemische  Großindustrie  bezeichnet,  obgleich  sie  heute
kein  Recht  mehr  besitzt,  diesen  Namen  für  sich  allein  in  Anspruch  zu  nehmen.  Jedenfalls ­
  aber  ist  sie  die  erste  der  Chemikalienindustrien,  nur  unter  ihrer  Mitwirkung
konnten  alle  anderen  geschaffen  werden.
Eine  zweite  Epoche  für  die  Weiterentwickelung  der  chemischen  Industrie  brach
in  den  vierziger  Jahren  mit  dem  Aufkommen  der  Soda-  und  Farbenindustrie  an;
Soda  wie  Indigo,  die  schon  dem  grauen  Altertum  bekannten  Produkte,  bezeichnen
den  Grund-  und  den  Schlußstein  dieser  großartigen  Entwickelung.  Nun  reihte  sich  in
den  schöpferischen  Arbeiten  auch  Deutschland  ebenbürtig  an  England  und  Frankreich
an.  Es  begann  sich  die  fabriksmäßige  Sodagewinnung  nach  dem  Leblancschen  Verfahren, ­
  ferner,  wenn  auch  anfangs  nur  zaghaft,  die  Stärke-  und  Dextrin-,  sowie  die
Zündhölzchenfabrikation  und  die  Herstellung  des  Wassergases  auszubreiten,  das  für
die  Gewinnung  von  Ammoniak  und  Teer  samt  seinen  wichtigen  Derivaten,  wie
Benzol.  Azo-  und  Anilinfarben,  so  einflußreich  geworden  ist.  —
Die  Farbenindustrie  wurde  in  der  zweiten  Hälfte  des  19.  Jahrhunderts  in
Frankreich  geschaffen.  Sie  wurde  zuerst  in  England  zwar  mit  Begeisterung  aufgenommen, ­
  konnte  aber  dort  nur  zu  bescheidener  Blüte  gelangen;  für  ihre  endgültige
Ausgestaltung  fand  sie  in  Deutschland  den  am  besten  vorbereiteten  Boden  vor.
Die  deutsche  Industrie  trat  nun  in  Konkurrenz  mit  der  englischen.  Anfangs
batte  sie  schwer  zu  kämpfen,  mußte  doch  z.  B.  die  Teerfarbenfabrikation  das  Benzol
bis  vor  zwei  Jahrzehnten  fast  noch  ganz  von  jenseits  des  Kanals  beziehen.
Aber  unsere  Industrie  fand  an  der  wissenschaftlichen  Forschung,  die  stetig  neue
Stoffe  und  Darstellungsmethoden  entdeckte  oder  erfand,  einen  kräftigen  Rückhalt.  In
der  Ersetzung  natürlicher  Produkte  durch  künstliche,  z.  B.  der  natürlichen  Farbstoffe,
wie  Krapp,  Kochenille,  Indigo,  Blauholz,  durch  das  künstliche  Alizarin  (1868  Grübe,
Liebermann),  das  Anilin,  Indigotin  (1880  Baeyer),  drängte  eine  Erfindung  die
andere.  —
In  diese  Epoche  fällt  endlich  auch  das  Aufkommen  der  Fabrikation  des  Kunstdüngers ­
  und  des  Kunstgraphits  (als  Ersatz  für  den  bisher  aus  Ceylon  bezogenen).
Auf  dem  bisherigen  Wege  des  planlosen  Experimentierens  hatte  man  nur  einzelne ­
  zusammenhanglose  wertvolle  Ergebnisse,  sei  es  auf  Grund  zufälliger  Beobachtungen ­
  oder  durch  unendliche  Geduld,  zutage  gefördert;  auch  blieb  dann  ein  solches
            
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