Full text: Volkswirtschaftliches Quellenbuch

4. Deutschlands Beruf zur Weltpolitik und Weltwirtschaft. 447 
4. Deutschlands Beruf zur WeltpoliliK und Weltwirtschaft. 
Von Paul Arndt. 
Arndt, Deutschlands Stellung in der Weltwirtschaft. 2. Aufl. Leipzig, B. G. Teubner, 
1913. S. 112—114. 
Deutschland besitzt alle Vorbedingungen zur allseitigen (wirtschaftlichen, kultu 
rellen und politischen) Betätigung in fernen Teilen der Erde: Bevölkerung, Reichtum, 
Bildung, sittliche Kraft, Wagemut. 
Aber ohne große Anstrengungen, ohne hartes Ringen, ohne viele Opfer fällt 
uns das Glück nicht in den Schoß. Jeder einzelne muß sein Bestes tun; nur der 
Fleiß, die Tüchtigkeit und die Gewissenhaftigkeit führen zu dauernden Erfolgen. Die 
Arbeit der einzelnen genügt jedoch nicht. Hinter all den tüchtigen und strebsamen 
Industriellen, Kaufleuten und Landwirten, Unternehmern, Angestellten und Arbeitern, 
von denen jeder einzelne an seiner Stelle seine Schuldigkeit tut, muß die gewaltige 
Gestalt des Deutschen Staates stehen, jederzeit bereit, den deutschen Statsangehörigen 
Schutz vor den Übergriffen Fremder zu gewähren und, wenn nötig, die Angriffe des 
Auslands mit starker Faust zurückzuschlagen. Ja, noch mehr, der Staat soll nicht 
immer hinter ihnen stehen; es gibt Zeiten, zu denen er ihnen vorangehen muß, um 
ihnen erst die Bahn zu brechen, die zur wirtschaftlichen Betätigung führt. Bald folgt 
die Flagge dem Handel, bald der Handel der Flagge. Weltwirtschaft und Weltpolitik 
sind unauflöslich miteinander verknüpft. 
Wir wissen aus der Geschichte, daß die schlimmsten Feinde Deutschlands nicht 
auswärtige Gegner gewesen sind. Die innere Zwietracht ist es, die unser Volk so 
häufig und so schwer geschwächt hat. Auch gegenwärtig hemmen die inneren Zwistig 
keiten, wirtschaftliche, soziale, konstitutionelle, konfessionelle usw. noch erheblich die 
äußere Machtentfaltung des Deutschen Reiches. Roch stehen Millionen Deutsche der 
neudeutschen Weltpolitik verständnislos, teilweise murrend gegenüber. Darunter 
leidet die äußere Politik des Deutschen Reiches, insbesondere seine Kolonialpolitik, 
schwer. Zwar haben wir jetzt endlich, nach Jahrhunderten der Zersplitterung, wieder 
eine starke Zentralregierung, welche die auswärtige Politik zu leiten hat; und das 
Oberhaupt der Bundesfürsten ist zu unserem Heil ein Mann, der von der Wichtigkeit 
einer kraftvollen Weltpolitik fest durchdrungen ist und nicht oft genug betonen kann, 
wie bitter not uns besonders eine starke Flotte ist. Aber die Volksvertretung ist lange nur 
widerwillig und zögernd auf der neuen Bahn gefolgt, wie sich namentlich bei Kolonial 
debatten zeigte. In der neuesten Zeit ist eine Wendung zum Besseren eingetreten. 
Immer weitere Kreise begreifen die Wichtigkeit der auswärtigen Wirtschafts- und 
Machtpolitik für die Erfüllung unserer Kulturaufgaben und für die Lösung der 
sozialen Probleme. Es fehlt nicht an Anzeichen, daß sich der politische Ge 
sichtskreis in allen Schichten der deutschen Bevölkerung, auch unter den 
Arbeitern, zu erweitern beginnt. Leider sind wir ja noch lange nicht genug 
den kleingeistigen, kleinstaatlichen, kleinbürgerlichen Anschauungen, dem Erbteil 
aus einer wenig ruhmvollen Zeit unserer Entwickelung, entwachsen. Eine 
großzügige Weltpolitik, der das Volk freudig zustimmt, wird unser inneres politisches 
^eben von vielem Unerfreulichen, das jetzt die großen Massen erbittert, befreien. Wie 
klein und kleinlich erscheint nicht dem, der weltwirtschaftlich und weltpolitisch zu denken 
gelernt hat, so manches Problem, das jetzt noch bei uns die Volksmassen in Atem hält. 
Selbst einem Chamberlain kam die Größe der Weltreichsprobleme erst voll zum Be 
wußtsein, als er über den Ozean nach Südafrika fuhr, und 6000 Seemeilen von West- 
winster entfernt, begriff er kaum mehr, wie sich die englischen Parlamentarier über 
die Fragen, die dort besprochen wurden, so erhitzen konnten. Die Politik in West- 
winster erschien ihm auf dem Weltmeere wie „Kirchturmspolitik".
	        
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