Full text: Neuere Zeit (Abt. 2)

Wissenschaft u. Weltanschauung, Pandynamismus u. Naturalismus. 127 
ändern, dem Himmelreich zum Siege zu verhelfen, indem wir 
das Böse in uns vernichten. Das Böse hassen und ertöten: 
das ist darum Ziel menschlich-sittlichen Lebens. Und dem 
Frommen gelingt es. Es ist die Stelle, an der Boehme aus 
diesem Jammertal emporsieht zu den ewigen Sternen. Er weiß: 
die Zeit wird nahen, da der Kampf der Guten diese Welt 
überwindet, da sie nicht mehr sein wird, da die Halbheit dem 
Ganzen gewichen sein wird, da wir eingehen werden in das 
Licht der Verklärung, das Gottes Offenbarung verheißen hat. 
Ein großartiges Bild frommer Gedankendichtung, kehrt 
Boehmes Philosophie, nachdem sie in einer geistreichen Kosmo⸗ 
gonie die Weite der pandynamistischen Naturwissenschaft durch⸗ 
messen und mit den wesentlichsten Bestandteilen der christlichen 
Offenbarungslehre durchflochten hat, zurück zu dem einfachsten 
sittlichen Bedürfnis der Menschenbrust, wie es seine Zeit in dem 
Begriff der Erlösungssehnsucht zusammenfaßte: ihm allein dient 
im Grunde seine Lehre. Es ist die vollkommenste Durchflechtung 
erkenntnistheoretischer und ethischer Forderungen, die vom 
Standpunkte des Pandynamismus unter leisem Festhalten an 
den Grundlagen des Christentums noch eben erreichbar war. 
So hätte man wohl glauben dürfen, die Philosophie 
Boehmes werde weite Verbreitung finden. In der Tat erregte 
sie auch anfangs Aufsehen. Allein eine große und dauernde 
Wirkung hat sie nicht gehabt. Das lag nicht bloß an der 
gelegentlich nicht leichten Sprache oder an dem Phantasma ihrer 
kosmogonischen Partieen. Grund ist vielmehr, daß die ganze 
gedankliche Grundlage, auf der Boehme stand, zur Zeit seiner 
Spekulationen schon anfing, stark erschüttert zu werden. Boehme 
ist auf lange Zeit der letzte mystische Philosoph im inneren 
Deutschland gewesen; nur in den Niederlanden haben verwandte 
Spekulationen während des 17. Jahrhunderts noch fortgeblüht, 
um dann, unter wesentlich veränderten Umständen, in Spinoza 
eine Höhe von außerordentlicher Bedeutung zu erreichen. Im 
übrigen aber wich die Mystik dem Empirismus, der Pandyna— 
mismus der Mechanik, das verzückte Naturerkennen dem Ex—⸗ 
periment und der mathematischen Analyse. Jene spekulative
	        
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