Full text: Volkswirtschaftliches Quellenbuch

3. über die Bedeutung einer Industrialisierung der heutigen Rohstofsstaaten rc. 469 
eine forcierte Gewaltpolitik für aussichtsvoll hielten. Mir scheint eine Größe nicht er 
strebenswert, deren man sich zu schämen hat. 
Man will Deutschland mächtiger machen und verstrickt es immer tiefer in fremde 
Ketten. Jeder neue Ausfuhrmarkt ist eine Geisel, die wir dem Auslande in die Hände 
geben, ein Pfand, an dem wir gezwickt werden können. Jede Einfuhr unentbehrlicher 
Waren, die wir selbst nicht produzieren ist eine Kette, die uns an den guten Willen 
des Auslands fesselt. Darum als Ziel: Selbständigkeit, — das ist Macht, 
ohne Breitfpurigkeit. 
Und ich darf auch negativ noch hinzufügen, was dies Ziel nicht bedeutet. Es 
bedeutet selbstverständlich nicht: eine plötzliche Hinrichtung der Exportindustrie; es 
bedeutet noch weniger ein einfaches Schutzsystem für die Herren Agrarier; es bedeutet 
nicht: Ausschluß der belebenden Konkurrenz; es bedeutet nicht: einen geschlossenen 
Handelsstaat, wie ihn Fichte im Jahre 1800 als Karikatur aufs Papier phantasiert 
hat; es bedeutet nicht: Hemmung der Bevölkerungszunahme; es bedeutet endlich nicht: 
den Verzicht auf Weltpolitik, auf starke Flotte, auf Kolonien. Aber es bedeutet aller 
dings, daß wir unsre wirtschaftliche Zukunft und unsere nationale Existenz nicht 
auf Flugsand bauen sollen, sondern auf festen Grund und Boden, über den wir eigene 
Verfügung haben; mit andern Worten: daß wir Herren im eignen Hause bleiben. 
3. Über die Bedeutung einer Industrialisierung 
der heutigen Rohstoffstaaten für die Exportindustrie 
Englands» Deutschlands usw. 
Von Heinrich Dietzel. 
Dietzel, Weltwirtschaft und Volkswirtschaft. Dresden, v. Zahn & Iaensch, 1900. S. 49—50, 
S. 66—68, S. 74—75, 6. 79—82, S. 83—84 und S. 85 f. 
Im Laufe der letzten Jahrzehnte sind England, Deutschland, Frankreich, die 
Schweiz, Belgien „I n d u st r i e staaten" geworden, d. h. hier hat sich die nationale 
Wirtschaft dahin entwickelt, daß derzeit die Rohstoffproduktion hinter dem nationalen 
Bedarfe zurückbleibt, die Industrieproduktion dagegen den nationalen Bedarf über 
schreitet. Sie exportieren Fabrikate, importieren Materialien und Lebensmittel. 
Allerdings exportieren sie auch Lebensmittel, wie Salz, Zucker, Bier, Branntwein, 
Wein, und Materialien, wie Sämereien, Kohlen, Roheisen, Zement, und importieren 
auch Fabrikate in beträchtlicher Menge. Aber ihr Außenhandel erhält sein eigenartiges 
Gepräge dadurch, daß in der Ausfuhr die Fabrikate vorherrschen, in der Einfuhr die 
Materialien, vor allem Erze, Hölzer, Textilstoffe, und die Lebensmittel. 
Umgekehrt sind andere Völker „R o h st o f f staaten" geworden, d. h. hier hat 
sich die nationale Wirtschaft dahin entwickelt, daß derzeit die Rohstoffproduktion den 
nationalen Bedarf überschreitet, die Industrieproduktion hinter ihm zurückbleibt. Das 
Charakteristikum ihres Außenhandels bildet die Tatsache, daß im Export die Rohstoffe, 
Lebensmittel und Materialien, vorherrschen, im Import die Fabrikate. 
Wird die Differenzierung der Nationen in Industrie- und in Rohstoffstaaten, 
diese „kosmopolitische" Arbeitsteilung zwischen Ländern, die einen Überschuß an 
Fabrikaten, und solchen, die einen Überschuß an Lebensmitteln und Materialien er 
zeugen, dauern? 
Von manchen Seiten wird heute die Frage mehr oder minder schroff verneint: 
es handle sich um ein nur kurzes Zwischenspiel der Wirtschaftsgeschichte. Denn mit 
wachsender Bevölkerungsziffer und mit wachsender materieller Kultur würden die
	        
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