484 Vierter Teil. Weltwirtschaft und Handelspolitik. III. Sonstige Kernfragen.
für unsre Waren ein wichtiger Abnehmer ist, nicht zu vertragsmäßiger Bindung
seiner Zölle herbeiläßt, ist die Meistbegünstigung immer noch besser als die Vertrags-
losigkeit und die Differenzierung der Zölle zu unsrem Schaden.
Wenn wir uns nun zu den Tarifverträgen wenden, so finden wir, daß auch
diese in sehr verschiedenem Grade die zollpolitische Autonomie binden können. Sie
können sich darauf beschränken, für wenige bestimmte Warengattungen die Zölle
festzulegen: sie können die Zusicherung enthalten, daß überhaupt gegenüber dem be
stehenden Tarif keine Zollerhöhungen während der Vertragsdauer vorgenommen
werden sollen: sie können schließlich eine Reihe von Zollermäßigungen gegenüber dem
allgemeinen Tarif festsetzen.
In der Regel ist das letztere der Fall. Neben den allgemeinen Zolltarif, der
für Länder gilt, mit denen keine Handelsverträge bestehen, neben den sog. General
tarif tritt dann ein Vertragstaris oder Konventionaltarif, an dessen
Ermäßigungen gegenüber dem Generaltarif die Länder mit Meistbegünstigung
partizipieren. Der einheitliche Generaltaris bildet die Basis der Verhandlungen, und
die Regierungen haben es, vorbehaltlich der Genehmigung durch die gesetzgebenden
Körperschaften, in der Hand, Ermäßigungen der Zollsätze des Generaltarifs zuzu
gestehen.
5. Der Plan einer mitteleuropäischen Zollunion.
Von Georg Gothein.
G o t h e i n, Der deutsche Außenhandel. Materialien und Betrachtungen. Berlin,
Siemenroth & Troschel, 1901. S. 43—47.
Die Befürchtung, daß die großen Wirtschaftsgebiete, welche Großbritannien mit
seinen Kolonien, Ainerika sowie Rußland bilden, sich gegen die andern Staaten mehr
und mehr abschließen könnten, hat vielfach den Gedanken angeregt, die Staaten Mittel
europas sollten sich ebenfalls zu einem einheitlichen Wirtschaftsgebiet mit gemeinsamer
Zollgrenze zusammentun; damit würden die industriellen Distrikte gesicherte Absatzge
biete für ihre Jndustrieerzeugnisse, die überwiegend landwirtschaftlichen Teile ebenso
für ihren Überschuß an Produkten des Ackerbaues und der Viehzucht finden und ver
möchten so gesicherter jeder Zukunft entgegenzugehen als ein sich selbst genügendes
Wirtschaftsgebiet.
Daß selbst die Vereinigten Staaten von Amerika, selbst Rußland, also beides
Staaten, die von den Eiswüsten des Nordpols bis in die Tropen hineinreichen, sich
selbst nicht alle Rohprodukte, deren sie bedürfen, beschaffen können, ist nicht zu be
streiten. Die Vereinigten Staaten sind auf die Einfuhr von Kaffee und Tee, von
Wolle, Häuten und Jute, von Gewürzen und Kakao, von Zinn, Salpeter und Gerb
stoffen, kurz, von sehr vielen wichtigen Rohstoffen angewiesen, und wenn es auch allen
falls möglich wäre, einige derselben mit der Zeit in genügender Menge und Qualität
selbst zu erzeugen, so ist das bei anderen gänzlich ausgeschlossen. Die Wünsche nach
einem Panamerika finden aber gerade in Mittel- und Südamerika sehr wenig Sympa
thien; die dortigen Staaten sind mit ihren Produkten — Brasilien mit Kaffee, Argen
tinien mit Wolle, Häuten, Fleischextrakt, Quebrachoholz, Chile mit Chilisalpeter, Leder
und Kupfer, Venezuela mit Kakao usw. — auf den Absatz nach allen Ländern an
gewiesen; sie haben das lebhafteste Interesse, sich ihre anderen Abnehmer kaufkräftig
zu erhalten und nicht den Nordamerikanern zuliebe auf ihre wirtschaftliche und mit
dieser auf ihre politische Selbständigkeit zu verzichten. Im Gegenteil, sie haben ein
Panamerika auf das entschiedenste zu fürchten, denn dadurch würde ihre in der Ent
wickelung begriffene Industrie — und das ist wenigstens bei Chile, Peru, Brasilien