Full text : Volkswirtschaftliches Quellenbuch

2.  Die  Entstehung  des  Zollvereins.

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die  Bedingungen  und  wahrscheinlichen  Wirkungen  einer  Zolleinigung.  Der  Gedanke
an  Österreich,  die  damit  zusammenhängende  Abneigung  gegen  Preußen  war  in  Süddeutschland ­
  vielfach  verbreitet.  An  der  Spitze  der  Opposition  standen  die  Liberalen
Württembergs  und  Badens.  Beck  bemerkt  sehr  treffend:  „Es  ist  nicht  immer  die
dynastische  Politik  deutscher  Regierungen  allein,  es  sind  leider  nicht  selten  die  idiosynkratisch
  gewordenen  Eifersüchteleien  und  Vorurteile  der  deutschen  Volksstämme,  welche
das  Werk  jeder  Einigung  in  Deutschland  erschweren.  Der  vorgeschrittene  Liberalismus
des  schwäbischen  Stammes,  wie  er  in  der  Opposition  der  beiden  Kammern  zu  Stuttgart ­
  und  Karlsruhe  seinen  Ausdruck  fand,  blickte  mit  tiefem  Mißtrauen  auf  das  absolutistische ­
  preußische  Regiment  und  auf  alles,  was  von  diesem  ausging.  Daher  die
wunderliche  Ironie  des  Geschicks,  daß  die  liberale  Partei  in  Süddeutschland,  deren
Programm  die  nationale  Einheit  obenan  schrieb,  jetzt,  da  dieser  wenigstens  auf  dem
Gebiete  der  materiellen  Interessen,  wo  das  Bedürfnis  der  Einigung  am  lautesten  und
allgemeinsten  gefühlt  wurde,  entsprochen  werden  sollte,  am  meisten  geneigt  war,
dagegen  Opposition  zu  erheben."
Die  Furcht  vor  der  absolutistischen  Politik,  welcher  R  o  t  t  e  ck  in  Baden  vielfach
Ausdruck  verlieh,  war  es,  der  zuliebe  der  süddeutsche  Liberalismus  damals  seinen
Prinzipien  untreu  wurde.
Nicht  anders  war  es  in  Sachsen.  Hier  war  die  öffentliche  Meinung  vollständig
im  unklaren  über  die  Wirkungen  der  Zolleinigung  und  Verkehrsfreiheit  unter  den
deutschen  Staaten.  Obwohl  Sachsen,  selber  ohne  Zollsystem,  rings  von  fremden
Zollinien  umschlossen  war,  obwohl  es  wegen  seiner  hochentwickelten  Industrie,  wegen
seiner  ausgedehnten  Leipziger  Handelsbeziehungen  das  größte  Interesse  an  dem  freien
Verkehr  mit  den  Nachbarstaaten  und  die  geringste  Befürchtung  vor  demselben  haben
sollte,  so  sprach  und  schrieb  man  doch  allenthalben  von  einer  Beeinträchtigung,  ja  von
einem  Landesverrat,  von  einem  Verfall  Leipzigs  wie  der  sächsischen  Industrie.  Ähnlich ­
  lag  es  in  Nassau,  ähnlich  in  Frankfurt,  wo  die  Sorge  für  den  ausgedehnten
Zwischenhandel,  der  alte  Stotz  der  Reichsstadt  und  Sympathien  für  Österreich  zusammen ­
  wirkten,  um  eine  besondere  Abneigung  gegen  den  Gedanken  des  Zollvereins, ­
  vor  allem  gegen  dessen  preußische  Führerschaft  zu  begründen.
Trotz  dieser  und  noch  mancher  anderer  Bedenken,  welche  die  Entstehung  des
großen  Zollvereins  erschwerten,  überwanden  die  aufgeklärten  Staatsregierungen,  das
Wohl  und  Interesse  ihrer  Völker  mit  Klarheit  erkennend  und  den  großen  Vorteil  eines
großen  deutschen  Zollvereins  einsehend,  alle  Schwierigkeiten.  Man  einigte  sich  auch
über  Ausgleichungs-  und  Übergangsabgaben,  wenn  in  den  verschiedenen  Staaten
höher  oder  niedriger  besteuerte  inländische  Produkte,  wie  Wein,  Bier,  Tabak,  Branntwein, ­
  auf  einem  Gebiete  des  Zollvereins  im  inneren  Verkehr  in  ein  anderes  geführt
wurden.  Das  Preußische  Gesetz  vom  26.  Mai  1818  mit  den  Zusätzen  von  1821  diente
als  Grundlage  des  Zollsystems,  und  seine  Prinzipien  wurden,  wie  erwähnt,  allgemein
angenommen.
So  bildete  sich  denn  durch  die  verschiedenen  oben  benannten  Verträge  ein
großes  deutsches  Zollvereinsgebiet,  auf  dem  Handel  und  Verkehr  sich  im  wesentlichen
frei  bewegen  konnten.  Eine  Zollgrenze  umgab  diesen  Länderkomplex,  alle  steuerpflichtigen ­
  eingehenden  wie  ausgehenden  Waren  wurden  an  den  Grenzen  und,  mit
Ausnahme  der  wenigen,  einer  Übergangsabgabe  unterworfenen  Gegenstände,  nur  an
diesen  verzollt.
Die  Industriellen  selbst  begrüßten  den  Beginn  des  allgemeinen  Zollvereins  mit
Genugtuung.  „Die  älteren  Zeitgenossen",  sagt  G.  Fischer,  „werden  sich  aus  den
Zeitungen  noch  der  Schilderungen  erinnern,  wie  freudig  die  erste  Stunde  des  Jahres
1834  von  der  Verkehrswelt  begrüßt  wurde.  Lange  Wagenzüge  standen  auf  den
Hauptstraßen,  die  bisher  durch  Zollinien  zerschnitten  waren.  Als  die  Mitternachts ­
            
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