Full text : Volkswirtschaftliches Quellenbuch

6.  Fürst  Bismarck  als  Handelspolitiker.

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Ein  solches  Zollbündnis,  in  welchem  die  habsburgische  Monarchie  neben  Preußen
gleichberechtigt  stand,  erschien  Bismarck  so  lange  als  unannehmbar,  als  die  „Deutsche
Frage"  im  Sinne  der  „reinlichen  Scheidung"  noch  ungelöst  war.  Handelspolitisch
stets  das  Gegenteil  von  demjenigen  begünstigen,  was  man  an  der  Donau  aus  wirtschaftlichen ­
  und  finanziellen  Gründen  anstrebte,  war  im  Berliner  Kabinett  das  gegebene ­
  Ziel  der  diplomatischen  Aktion.  Mit  allen  Kräften  suchte  man  den  Anschluß  an
das  westeuropäische  freihändlerische  Konzert,  nur  um  Österreich  zu  isolieren.  Ob
Preußen  recht  daran  tat,  die  freihändlerische  Tarifreform  mit  solcher  Macht  zu  betreiben, ­
  muß  nach  dem,  was  wir  heute  wissen,  mehr  als  zweifelhaft  erscheinen,
wenigstens  gilt  das  im  Hinblick  auf  wirtschaftliche  Gesichtspunkte.  In  politischer
Hinsicht  hat  der  Erfolg  der  preußischen  Politik  entschieden  recht  gegeben,  auch  bezüglich
des  preußisch-französischen  Handelsvertrages,  des  eigentlichen  Werkes  der  liberalen
Schule  des  preußischen  Beamtentums.  Die  entschiedene  Wendung  zum  Freihandel  war
politisch  eine  Existenzfrage,  wirtschaftlich  höchstens  eine  Zweckmäßigkeitsfrage.
Mit  der  Erstarkung  und  Ausschließung  großer  und  neuer  Getreidekammern  im
Osten  und  in  Amerika  traten  gewaltige  Veränderungen  in  den  Weltmarktsbezügen
ein,  und  in  einer  relativ  kleinen  Spanne  Zeit  wurde  Deutschland  aus  einem  Getreide
exportierenden  Lande  ein  importierendes.  Der  industrielle  Protektionismus  hatte
zudem  in  der  Handelspolitik  Frankreichs,  Rußlands  und  der  Vereinigten  Staaten  nicht
aufgehört,  eine  gewichtige  Rolle  zu  spielen,  und  deren  größere  Widerstandsfähigkeit
gegenüber  der  herannahenden  Wirtschaftskrisis  führten  Bismarck  und  viele  mit  ihm
jetzt  auf  das  dort  festgehaltene  handelspolitische  System  zurück.  Nur  sehr  langsam
und  nach  heftigen  Zusammenstößen  wurden  auch  unsere  agrarischen  Freihändler
Norddeutschlands  für  die  Idee  des  nationalen  Zollschutzes  gewonnen.
Der  Anstoß  zur  Umkehr  ging  jedoch  nicht  von  den  landwirtschaftlichen  Interessentenkreisen, ­
  sondern  von  der  deutschen  Fabrikantenwelt  aus.  Große  Gruppen
derselben  hatten  bei  dem  stürmischen  Laufe  der  Freihandelspolitik  zuerst  skeptisch,  später
unter  lebhaftem  Protest  beiseite  gestanden.  Der  letzte  Akt  der  Freihandelsära,  die
Aufhebung  der  Eisenzölle,  hatte  sie  in  nachhaltige  Erregung  versetzt  und  sie  zu  einer
geschlossenen  Opposition  geeint.  Die  deutschen  Fabrikanten  waren  im  allgemeinen
einverstanden  mit  den  Errungenschaften  der  liberalen  Reichspolitik,  nur  die  Zollpolitik
machten  sie  nicht  mit.  Als  dann  der  Fünfmilliardensegen  verpufft  war  und  die  durch
ihn  herbeigeführte  Hausse  einer  schweren  industriellen  Wirtschaftskrisis  Platz  gemacht
hatte,  fing  man  mehr  und  mehr  an,  den  Freihandel,  dem  man  früher  den  wirtschaftlichen ­
  Aufschwung  zugeschrieben  hatte,  jetzt  für  den  kommerziellen  Niedergang  verantwortlich ­
  zu  machen.  Diese  Auffassung  verschaffte  sich  auch  im  Reichskanzleramt,
wo  inzwischen  Bismarck,  durch  Enqueten  und  umfangreiche  Studien  überzeugt,  den
Übergang  zum  Schutzzoll  vorbereitet  hatte,  Eingang.  Für  den  Kanzler  war  aber  noch
ein  weiteres  Moment  von  großer  Bedeutung.  Das  neugeeinte  Reich  brauchte  neue
und  ergiebigere  Einnahmequellen.  Wollte  man  es  finanziell  konsolidieren  und  aus
eigene  Füße  stellen,  so  war  die  Rückkehr  zum  Zollschutz  das  Nächstliegende  Mittel.
Vielleicht  ist  dieser  Gesichtspunkt  von  größerem  Gewicht  gewesen,  als  man  gewöhnlich
glaubt.  Fürst  Bismarck  ist  jedenfalls  von  ihm  ganz  und  gar  durchdrungen  gewesen,
wollte  er  ja  doch  ganzen  Gruppen  von  Tarifsätzen  in  den  nun  folgenden  wirtschaftspolitischen ­
  Debatten  nur  den  Charakter  von  Finanzzöllen  —  ob  mit  Recht,  lasse  ich  dahingestellt ­
  —  beigelegt  wissen.
Als  gleichzeitig  eine  bunte  Reihe  von  Finanzprojekten,  die  das  Reich  unabhängig
von  den  Matrikularbeiträgen,  gegen  die  Bismarck  stets  eine  Abneigung  gehabt  hatte,
stellen  sollten,  im  Reichstage  gescheitert  war,  hinderte  den  Kanzler  nichts  mehr,  eine
vollkommene  Frontveränderung  den  Parteien  gegenüber  vorzunehmen.  Der  schon
lange  vorbereitete  Bruch  mit  dem  Liberalismus,  auf  den  sich  die  Regierung  in  allen
            
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