Full text : Volkswirtschaftliches Quellenbuch

506  Vierter  Teil.  Weltwirtschaft  und  Handelspolitik.  IV.  Deutsche  Handelspolitik.

letzterer  setzt  wiederum  eine  gewisse  gegenseitige  Beschränkung  der  freien  Verfügung
auf  zolltarifarischem  Gebiete  voraus.  Deutschland  würde,  zumal  bei  den  heute
herrschenden  handelspolitischen  Strömungen,  auf  die  Erhaltung  seiner  Ausfuhr
nicht  rechnen  dürfen,  wenn  es  nicht  durch  eine  solche  Beschränkung  seinerseits
anderen  Ländern  die  Möglichkeit  gewährt,  die  empfangene  Ware  ganz  oder  teilweise ­
  in  eigenen  Produkten  zu  bezahlen."
Der  andere  Grundgedanke  der  wirtschaftlichen  Argumentation  für  die  neue
Handelsvertragspolitik,  die  Fürsorge  für  wohlfeile  Ernährung  und  für  Arbeitsgelegenheit ­
  angesichts  fortwährend  steigender  Bevölkerung,  wurde  vom  Reichskanzler
in  die  Worte  zusammengefaßt:  „Entweder  wir  exportieren  Waren,  oder  wir
exportieren  Menschen."  Es  ist  erstaunlich,  wie  sehr  sich  die  Erwartung  Capriois
bestätigt  hat,  daß  eine  zunehmende  Bevölkerung  unter  der  Herrschaft  der  neuen
Handelspolitik  in  Deutschland  Nahrung  finden  werde,  —  ist  doch  die  Auswanderung
nie  so  gering  gewesen  bei  gleichzeitig  beträchtlichen  Überschüssen  der  Geburten  über
die  Sterbefälle  wie  1892—1900.
Neu  an  diesen  wirtschaftlichen  Ausführungen  der  Regierung  war  eigentlich
nur,  daß  solche  Gedanken  von  der  Regierung  und  nicht,  wie  bisher,  von  den  Parteien ­
  auf  dem  linken  Flügel  des  Reichstages  ausgesprochen  wurden.  Gerade  dies
aber  war  allerdings  ein  veränderter  Kurs  gegenüber  der  Wirtschaftspolitik  von
1879—90.
Mit  äußerster  Sorgfalt  vermied  es  jedoch  damals  die  Regierung,  irgendein
bitteres  Wort  gegen  den  früheren  Reichskanzler  Fürst  Bismarck,  der  auch  nach
seinem  Rücktritt  an  den  bisherigen  handelspolitischen  Prinzipien  festhielt,  auszusprechen. ­
  Eine  wesentliche  sachliche  Abweichung  gegenüber  der  bisherigen  offiziellen
Auffassung  gab  sich  allerdings  auch  darin  kund,  daß  nunmehr  Erwägungen  der
auswärtigen  Politik  für  die  Handelspolitik  Deutschlands  als  bedeutsam
anerkannt  wurden.  Auch  unter  Bismarck  war  die  auswärtige  Politik  beim
Handelsvertrag  von  1862  von  allergrößtem  Einfluß  auf  die  Handelspolitik  gewesen.
Seit  1879  jedoch  war  offiziell  die  Ansicht  vertreten  worden,  daß  man  politisch  gut
Freund  mit  Staaten  sein  könne,  denen  gegenüber  man  sich  handelspolitisch  möglichst
abschließt.  Es  ist  nicht  zu  leugnen,  daß  die  sehr  schwierige  Aufgabe,  handelspolitische ­
  Entfremdung  nicht  zu  politischer  Feindschaft  auswachsen  zu  lassen,  von
dem  Meister  der  auswärtigen  Politik,  Fürst  Otto  v.  Bismarck,  1879—90  gelöst
worden  war.
Daß  diese  etwas  paradoxe  Theorie  jedoch  nicht  ein  jederzeit  gültiges  und  für
jedermann  brauchbares  Prinzip  der  Staatskunst  sein  konnte,  war  sonnenklar.  Der
Appell  an  den  schlichten,  gesunden  Menschenverstand  in  Capriois  Ausführungen,
daß  um  des  Dreibunds  willen  engerer  handelspolitischer  Anschluß  an  Österreich-Ungarn
  und  Italien  nötig  sei,  wirkte  so  sehr  überzeugend,  daß  zahlreichen  Abgeordneten ­
  von  streng  schutzzöllnerischer  Gesinnung  dadurch  das  Eintreten  für  die
Verträge  erleichtert  wurde.  Es  mußte  den  größten  Eindruck  machen,  daß  ein  früherer
preußischer  General  als  Reichskanzler  davor  warnte,  daß  sich  die  europäischen
Staaten  „gegenseitig  das  Blut  aussaugten",  und  daß  er  Deutschlands  Interesse
betonte,  die  politischen  Verbündeten  wirtschaftlich  zu  stärken.
Es  war  dies  auch  ein  Verlassen  der  1879  vom  Fürsten  Bismarck  vertretenen
Maxime,  daß  es  bei  Handelsverträgen  darauf  ankomme:  „Qui  trompe—t—on?“-Die
  Welt  stand  damals  unter  dem  Eindrucke  des  in  Kronstadt  proklamierten
französisch-russischen  Einvernehmens,  welches  die  Dreibundstaaten  zu  engerem  Anschluß
aneinander  geradezu  zu  zwingen  schien.  War  doch  ferner  Italiens  Ausfuhr  nach
Frankreich  durch  den  französisch-italienischen  Zollkrieg  schwer  geschädigt  und  war
doch  schon  unter  Bismarck  in  einer  Hinsicht  dem  Gedanken  entsprochen  worden,
            
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