508 Vierter Teil. Weltwirtschaft und Handelspolitik. IV. Deutsche Handelspolitik.
altet ist, daß es sich vielmehr um eine wachsende Verflechtung der Volkswirtschaften
handelt, und daß das Wohl des Nachbarn mit dem eignen verträglich ist.
In letzter Linie hatte der deutsch-rufsifche Handelsvertrag von 1894 eine weit
reichende politische Bedeutung, wie überhaupt die großen Ereignisse auf dem Gebiete
der Handelspolitik mehr als einmal solche gehabt haben. Ich erinnere an den be
rühmten Handelsvertrag mit Napoleon III., durch welchen Bismarck das „Los von
Österreich" einleitete.
Unser handelspolitisches Verhältnis mit Rußland streifte in der zweiten Hälfte
der achtziger Jahre an den Zollkrieg nahe heran. Die Lebensinteressen und die
Leidenschaften beider Völker waren berührt. Ein Verhältnis politischer Freundschaft
erwies sich damit unvereinbar, trotz der ausgesprochenen Absicht eines Bismarck, diese
Freundschaft aufrecht zu erhalten. Jeder Deutsche, welcher in jener Zest Rußland
bereiste, weiß, welche Blüten damals der fremdenfeindliche Nativismus trieb.
Jeder, der seitdem Rußland öfters besucht hat, kann von dem Umschwung
sprechen, welcher sich in der öffentlichen Meinung des Zarenreichs vollzogen hat.
Der Handelsvertrag bedeutete die erste Niederlage des gegen Europa gerichteten, im
Innern hochreaktionären Panslawismus. Er beseitigte damit für beide Teile die Ge
fahr des unnützesten aller Kriege, wie uns von maßgebender Stelle, die es wissen
muß, bestätigt wurde. In diesem Sinne war der Handelsvertrag ein Bedürfnis der
auswärtigen Politik beider Staaten.
s. Die deutsche Handelspolitik unter dem Fürsten Bülow.
Von Robert Wuttke.
W u t t k e, Epochen der deutschen Handelspolitik. In: Soziales Handbuch. Zusammen
gestellt und herausgegeben von Weber. Hamburg, Agentur des Rauhen Hauses, [1907]-
S. 248 ff.
Als am 1. Januar 1834 der Deutsche Zollverein in Kraft trat, konnten die
Männer, die dieses schwere diplomatische Werk zustande brachten, nicht ahnen, welch
einen bedeutungsvollen Schritt zur politischen und wirtschaftlichen Einigung Deutsch
lands sie gemacht hatten. Ein volles Menschenalter dauerte es noch, ehe auf diesen
Grundlagen nach bitteren Bruderkämpfen das Deutsche Reich errichtet werden konnte.
War es so wirtschaftlich aus dem Zollverein erwachsen, so setzte es auch zunächst
dessen Handelspolitik fort. Seit Anfang der sechziger Jahre war es der norddeutschen
Richtung im Zollverein besonders durch den Abschluß eines Handelsvertrags mit
Frankreich gelungen, mehr und mehr die Handelspolitik freihändlerisch zu gestalten.
Erst nach der wirtschaftlichen Krisis, dem sog. Krach, die nach 1873 einsetzte,
begann sich ein Umschwung geltend zu machen. Es gelang dem Fürsten Bismarck
nach langen Kämpfen im Reichstag, die Mehrheit für eine Schutzzollpolitik des
Deutschen Reiches zu gewinnen, die 1879 mit der Annahme des Zolltarifes einsetzte.
Glaubte man damals, es habe allein die übermächtige Staatsgewalt des Fürsten
Bismarck die Schutzzollpolitik durchgesetzt, und sie werde mit seinem einstigen Abgänge
ihr Ende erreichen, so erkennen wir heute, wie nicht in den äußeren politischen Ver
hältnissen und Parteigruppierungen von 1879 die Ursachen des Überganges vom
Freihandel zum Schutzzoll lagen, sondern in der immer enger werdenden Verflechtung
der einheimischen Volkswirtschaft mit den Weltmärkten. Der Schutzzoll soll uns
innerhalb gewisser Grenzen die Unabhängigkeit unserer nationalen Erzeugung und
unseres nationalen Marktes sichern.