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Fünfter Teil. Verkehr. I. Zur Geschichte des Verkehrs.
Auch das Expedieren eines Briefes war dem Publikum früher noch nicht so
leicht gemacht als jetzt. Hatte man auch in der Schule gelernt, wie aus einem Bogen
Papier ein Briefumschlag zu machen sei, so war dies doch eine mühselige Arbeit.
Nur Anstandsbriefe wurden deshalb mit einem solchen versehen. Im gewöhnlichen
Verkehr zog man vor, die vierte Seite des beschriebenen Bogens frei zu lassen und
den Brief so zusammenzufalten, daß diese vierte Seite als Umschlag diente. Zum
Schließen des Briefes bedurfte man dann Siegellack oder Oblate. Da sah auf der
Londoner Industrieausstellung im Jahre 1851 die erstaunte Welt eine kleine Maschine,
durch eine Handkurbel getrieben, rastlos arbeiten und mit unglaublicher Schnelligkeit
aus vorgerichteten Papierstücken vollendete Briefumschläge herstellen. Seitdem wurde
der Gebrauch des Briefumschlages allgemein, und der gummierte Rand desselben er
setzte auch Oblate und Siegellack. Nun verfeinerte sich auch das Material für das
Briefschreiben. Einige Zeit hindurch galt es schon für fein, wenn man auf einem
Briefbogen schrieb, auf welchem oben am Rande das Wort Bath eingepreßt war.
Heute schreiben elegante Damen nur noch auf Briefbogen, die ihren schön geschlun
genen Namenszug führen, und durchduften dieselben mit aromatischen Gerüchen, so
daß der Empfänger sofort in einen süßen Rausch versetzt wird.
Der Warenverkehr wurde früher — abgesehen von dem Transport zu Wasser,
welcher ja im Binnenlande nur eine beschränkte Anwendung findet, — durch Fracht
wagen vermittelt, deren mehrere in der Regel zusammen reisten. Es waren große,
hochaufgestapelte Wagen, mit weißem Linnen überdeckt, unter welchem die Frachtgüter
in Stroh verpackt lagen, mit vier oder mehr mächtigen Rossen bespannt, die meist ein
Geläute am Halse trugen. Nebenher schritt in blauem Kittel der Fuhrmann und
schwang die gewaltige Peitsche. Häufig war sein Begleiter der Spitz, welcher nachts
im Schiffe unter dem Wagen lag und Wache hielt. Schon früh am Morgen wurde
aufgebrochen. Tagsüber wurden sechs bis acht Wegstunden zurückgelegt. An steilen
Stellen der Landstraße mußte Vorspann genommen werden, der in dem nächsten
Dorfe stets bereitstand. Außerdem gab es auch noch kleine einspännige Frachtwagen
mit zwei Rädern, die in langen Karawanen auf der Straße einherzogen. Aber was
waren all diese Wagen gegen die endlosen Güterzüge, welche heute unsre Eisenbahnen
beleben?
5. Der Kampf der Verkehrsmittel im Stromgebiete
des Rheins.
Bon Christian Eckert.
Eckert, Rheinschiffahrt im 19. Jahrhundert. Leipzig, Duncker & Humblot, 1900.
S. 291—294 und S. 368—370.
Das Verhältnis der Rheinschiffahrt zu den ihr parallel laufenden Eisenbahnen
war von Anfang an wechselnd und nach Strecken verschieden gestaltet. Bald machte
sich nach dem Ausbau der Bahnen deren starke Konkurrenzfähigkeit geltend, bald
wieder schien es, als ab die Bahnverwaltungen mit den Schiffahrtsgesellschaften die
gleichen Interessen verfolgten und sich in Bewältigung der Verkehrsansprüche nach
festgestelltem Plane teilen könnten. Beispielsweise bemühte sich die Mainz-Düssel
dorfer Dampfschiffahrtsgesellschast für den Nieder- und Mittelrhein zu Düsseldorf, weit
entfernt, in feindseligen Kampf mit den konkurrierenden Eisenbahnen zu treten, von
vornherein ein freundschaftliches Verhältnis mit deren Leitern anzuknüpfen, um so
„durch wohlkombinierten Anschluß an die Bahnzüge den durch die Konkurrenz er
zeugten Nachteil nicht allein auszugleichen, sondern zu überbieten". Sie hoffte durch