Full text : Volkswirtschaftliches Quellenbuch

528

Fünfter  Teil.  Verkehr.  I.  Zur  Geschichte  des  Verkehrs.

Auch  das  Expedieren  eines  Briefes  war  dem  Publikum  früher  noch  nicht  so
leicht  gemacht  als  jetzt.  Hatte  man  auch  in  der  Schule  gelernt,  wie  aus  einem  Bogen
Papier  ein  Briefumschlag  zu  machen  sei,  so  war  dies  doch  eine  mühselige  Arbeit.
Nur  Anstandsbriefe  wurden  deshalb  mit  einem  solchen  versehen.  Im  gewöhnlichen
Verkehr  zog  man  vor,  die  vierte  Seite  des  beschriebenen  Bogens  frei  zu  lassen  und
den  Brief  so  zusammenzufalten,  daß  diese  vierte  Seite  als  Umschlag  diente.  Zum
Schließen  des  Briefes  bedurfte  man  dann  Siegellack  oder  Oblate.  Da  sah  auf  der
Londoner  Industrieausstellung  im  Jahre  1851  die  erstaunte  Welt  eine  kleine  Maschine,
durch  eine  Handkurbel  getrieben,  rastlos  arbeiten  und  mit  unglaublicher  Schnelligkeit
aus  vorgerichteten  Papierstücken  vollendete  Briefumschläge  herstellen.  Seitdem  wurde
der  Gebrauch  des  Briefumschlages  allgemein,  und  der  gummierte  Rand  desselben  ersetzte ­
  auch  Oblate  und  Siegellack.  Nun  verfeinerte  sich  auch  das  Material  für  das
Briefschreiben.  Einige  Zeit  hindurch  galt  es  schon  für  fein,  wenn  man  auf  einem
Briefbogen  schrieb,  auf  welchem  oben  am  Rande  das  Wort  Bath  eingepreßt  war.
Heute  schreiben  elegante  Damen  nur  noch  auf  Briefbogen,  die  ihren  schön  geschlungenen ­
  Namenszug  führen,  und  durchduften  dieselben  mit  aromatischen  Gerüchen,  so
daß  der  Empfänger  sofort  in  einen  süßen  Rausch  versetzt  wird.
Der  Warenverkehr  wurde  früher  —  abgesehen  von  dem  Transport  zu  Wasser,
welcher  ja  im  Binnenlande  nur  eine  beschränkte  Anwendung  findet,  —  durch  Frachtwagen ­
  vermittelt,  deren  mehrere  in  der  Regel  zusammen  reisten.  Es  waren  große,
hochaufgestapelte  Wagen,  mit  weißem  Linnen  überdeckt,  unter  welchem  die  Frachtgüter
in  Stroh  verpackt  lagen,  mit  vier  oder  mehr  mächtigen  Rossen  bespannt,  die  meist  ein
Geläute  am  Halse  trugen.  Nebenher  schritt  in  blauem  Kittel  der  Fuhrmann  und
schwang  die  gewaltige  Peitsche.  Häufig  war  sein  Begleiter  der  Spitz,  welcher  nachts
im  Schiffe  unter  dem  Wagen  lag  und  Wache  hielt.  Schon  früh  am  Morgen  wurde
aufgebrochen.  Tagsüber  wurden  sechs  bis  acht  Wegstunden  zurückgelegt.  An  steilen
Stellen  der  Landstraße  mußte  Vorspann  genommen  werden,  der  in  dem  nächsten
Dorfe  stets  bereitstand.  Außerdem  gab  es  auch  noch  kleine  einspännige  Frachtwagen
mit  zwei  Rädern,  die  in  langen  Karawanen  auf  der  Straße  einherzogen.  Aber  was
waren  all  diese  Wagen  gegen  die  endlosen  Güterzüge,  welche  heute  unsre  Eisenbahnen
beleben?

5.  Der  Kampf  der  Verkehrsmittel  im  Stromgebiete
des  Rheins.
Bon  Christian  Eckert.
Eckert,  Rheinschiffahrt  im  19.  Jahrhundert.  Leipzig,  Duncker  &  Humblot,  1900.
S.  291—294  und  S.  368—370.
Das  Verhältnis  der  Rheinschiffahrt  zu  den  ihr  parallel  laufenden  Eisenbahnen
war  von  Anfang  an  wechselnd  und  nach  Strecken  verschieden  gestaltet.  Bald  machte
sich  nach  dem  Ausbau  der  Bahnen  deren  starke  Konkurrenzfähigkeit  geltend,  bald
wieder  schien  es,  als  ab  die  Bahnverwaltungen  mit  den  Schiffahrtsgesellschaften  die
gleichen  Interessen  verfolgten  und  sich  in  Bewältigung  der  Verkehrsansprüche  nach
festgestelltem  Plane  teilen  könnten.  Beispielsweise  bemühte  sich  die  Mainz-Düsseldorfer ­
  Dampfschiffahrtsgesellschast  für  den  Nieder-  und  Mittelrhein  zu  Düsseldorf,  weit
entfernt,  in  feindseligen  Kampf  mit  den  konkurrierenden  Eisenbahnen  zu  treten,  von
vornherein  ein  freundschaftliches  Verhältnis  mit  deren  Leitern  anzuknüpfen,  um  so
„durch  wohlkombinierten  Anschluß  an  die  Bahnzüge  den  durch  die  Konkurrenz  erzeugten ­
  Nachteil  nicht  allein  auszugleichen,  sondern  zu  überbieten".  Sie  hoffte  durch
            
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.