Full text : Volkswirtschaftliches Quellenbuch

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Fünfter  Teil.  Verkehr.  III.  Eisenbahnen.

Landwirte,  insbesondere  über  Unübersichtlichkeit,  Härten  und  unbegreifliche  Differenzierungen ­
  der  Tarife;  immer  grimmiger  erörterte  die  öffentliche  Meinung  Mißbräuche,
die  angeblich  bei  der  Verleihung  von  Baurechten  vorgekommen  seien:  und  der
lange  auf  die  Probe  gestellte  Geduldsfaden  der  Nation  riß  endlich  angesichts  der
Eindrücke  der  Gründerzeit  (1871—1873).  Darauf  wurde,  vornehmlich  gegen  die
Willkür  der  Verwaltungen  im  Tarifwesen,  im  Jahre  1873  als  eine  oberste  Aufsichts-  und
Beschwerdestelle  das  Reichseisenbahnamt  begründet:  schon  begann  sich  die  unitarische
Behandlung  der  wichtigsten  Verkehrswege  in  einer  Institution  niederzuschlagen.
Aber  dies  Amt  sollte  auch  ein  allgemeines  deutsches  Eisenbahngesetz  und  einen  allgemeinen ­
  deutschen  Gütertarif  —  letzteren  zunächst  als  wichtigste  Forderung  des
aufstrebenden  Wirtschaftslebens  —  ausarbeiten!  Allein  bald  zeigte  sich:  das  Amt  kam
nicht  vorwärts;  seine  Wirksamkeit  blieb  zum  großen  Teile  auf  dem  Papiere,  und
namentlich  die  Staatsbahnsysteme,  welche  einzelne  Bundesstaaten  schon  besaßen,
leisteten  ihm  passiven  Widerstand.
Diese  Lage  brachte  den  Fürsten  Bismarck  schon  im  Jahre  1875  auf  den  Gedanken, ­
  den  unwürdigen  Zuständen  durch  Erwerbung  aller  Eisenbahnen  für  das
Reich  mit  einem  Schlage  ein  Ende  zu  machen.  Und  uin  die  Durchführung  dieses
Planes  zu  ermöglichen,  beschloß  er,  zunächst  den  Übergang  der  preußischen  Bahnen
an  das  Reich  vorzubereiten.  Die  Preußische  Regierung  ließ  sich  durch  ein  Gesetz
vom  Juni  1876  ermächtigen,  ihren  freilich  damals  nicht  besonders  großen  Staatsbahnbesitz ­
  dem  Reiche  zum  Kaufe  anzubieten.  Es  war  eine  ungeheure,  ins  gewaltigste ­
  gedachte  Maßregel;  sie  regte  die  Nation  in  ihren  Tiefen  auf,  —  auch
die  Unternehmerkreise,  die  hier  dem  großen  Staatsmann  zumeist  nicht  folgten:  denn
wie  viele  ihrer  eigensten  Interessen  wurden  nicht  durch  die  drohende  Aufhebung
der  Privatbahnen  berührt!  Wenn  aber  der  Fürst  seinen  Plan  schließlich,  trotz  des
günstigen  Votums  des  Preußischen  Landtags,  nicht  weiter  verfolgte,  so  waren
hierfür  nicht  die  Widerstände  in  gewissen  wirtschaftlichen  Kreisen,  sondern  politische
Eindrücke  maßgebend.  In  den  mittleren  und  kleinen  Bundesstaaten  hatte  der
Reichseisenbahngedanke  die  Regierten  wie  namentlich  die  Regierungen  aufs  heftigste
erregt:  sie  fürchteten  für  ihre  Selbständigkeit.  So  hatte  der  Minister  v.  Friesen
in  Dresden  erklärt,  Sachsen  werde  seine  Stimme  sogar  gegen  den  Übergang  der
preußischen  Bahnen  an  das  Reich  abgeben;  in  Bayern  hatte  man  die  Reservatrechte ­
  als  durch  den  Reichseisenbahnplan  als  verletzt  betrachtet;  und  in  Stuttgart
hatte  der  Minister  v.  Mittnacht  das  Ganze  offen  sogar  als  Absicht  einer  Änderung
der  Reichsverfassung  bezeichnet,  der  Württemberg  niemals  zustimmen  werde  und
könne.
Gegenüber  diesem  einmütigen  Widerstand  blieb  Bismarck  nichts  übrig,  als
auf  das  Reichseisenbahnprojekt  zu  verzichten.  Die  Einzelstaaten  gingen  aber  noch
weiter.  Um  sich  vor  der  Wiederkehr  des  Planes  ein  für  allemal,  wie  sie  meinten,
zu  sichern,  nahmen  sie  die  Verstaatlichung  der  Bahnen  in  ihren  Territorien  vor.
Bayern  hatte  schon  1875  die  770  Um  der  Ostbahnen  in  seinen  rechtsrheinischen
Landen  gekauft,  während  die  Pfälzer  Bahnen  noch  im  Privatbesitze  blieben;  Sachsen
kaufte  1876  die  Leipzig-Dresdener  Linie;  in  Württemberg  galt  schon  das  Prinzip
der  Staatsbahnen.
Wie  aber,  wenn  nun  dieser  Gedanke  der  bundesstaatlichen  Bahnnetze  auch  in
Preußen  aufgenommen  wurde?  Mutzte  dann  nicht  das  preußische  Staatsbahnnetz  sich
so  ausweiten,  daß  es  den  ganzen  norddeutschen  Verkehr  und  in  Verbindung  mit
den  Reichseisenbahnen  in  Elsaß-Lothringen  auch  noch  einen  guten  Teil  des  mittelund
  süddeutschen  in  seine  Herrschaft  bekam?  Dem  Reichskanzler  entging  diese
eigenartige  Wendung  der  Dinge  nicht:  und  er  ergriff  jetzt  alsbald  den  Gedanken
der  Entwicklung  eines  abgeschlossenen  preußischen  Staatsbahnsystems,  dessen  Herr ­
            
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