Full text : Volkswirtschaftliches Quellenbuch

556

Fünfter  Teil.  Verkehr.  III.  Eisenbahnen.

1828  eine  preußisch-hessische  Zollgemeinschast  vorausgegangen  ist.  Man  konnte  hierzu
die  Bemerkung  fügen,  daß  das  Schwergewicht  der  preußisch-hessischen  Eisenbahngemeinschaft ­
  innerhalb  Deutschlands  ein  viel  größeres  fein  werde  als  das  der  einst
zwischen  Preußen  und  Hessen  vollzogenen  Zolleinigung.  Preußen  beherrscht  nunmehr
nicht  nur  ganz  Norddeutschland  in  allen  wichtigen  Durchgangslinien,  sondern  es  erobert ­
  sich  auch  den  Weg  zum  Einfluß  in  Südwestdeutschland.  Dadurch,  daß  die  Main-Neckar-Bahn,
  welche  Preußen,  Hessen  und  Baden  gemeinsam  gehört,  in  die  preußischhessische ­
  Verwaltung  am  1.  Oktober  1902  einbezogen  wurde,  ist  dieser  Einfluß  vergrößert ­
  worden.  Gleichartige  Grundsätze  der  Eisenbahnpolitik  können  nunmehr  von
Elsaß-Lothringen  an,  woselbst  die  preußischen  Einflüsse  eisenbahnpolitisch  in  letzter
Linie  sehr  maßgebend  geltend  gemacht  werden  können,  bis  nach  Ostpreußen  in  Wirksamkeit ­
  treten.  Jedenfalls  war  die  Möglichkeit,  daß  die  preußisch-hessische  Gemeinschaft ­
  Zuwachs  durch  Anschluß  anderer  bisher  unabhängiger  Eisenbahnsysteme
empfängt,  keineswegs  ausgeschlossen.
Unabhängig  waren  bis  1905  die  Staatseisenbahnsysteme  von  Sachsen,  Bayern,
Württemberg,  Baden,  sowie  die  pfälzischen  Privatbahnen  geblieben.  Eine  Eisenbahnpolitik
  jedoch,  die  im  Durchgangsverkehr  von  der  preußischen  abwiche,  kann
zurzeit  keines  dieser  Eisenbahnsysteme  durchführen.  Die  Eisenbahnrente,  welche  der
Landeskasse  zufließt,  ist  in  den  selbständig  gebliebenen  Staatseisenbahnsystemen  —
besonders  in  Süddeutschland  —  erheblich  geringer,  als  wenn  das  Reichseisenbahnprojekt ­
  durchgeführt  worden  wäre.  Der  Einfluß  der  vom  preußischen  System  unabhängigen ­
  Staatsbahnverwaltungen  ist  in  Fragen  der  Beamtenernennung  und  in
allen  Fragen  des  Binnenverkehrs  —  nicht  dagegen  im  gleichem  Maße  in  Fragen
des  Fernverkehrs  —  zurzeit  größer,  als  wenn  es  zur  Verwirklichung  des  Reichseisenbahnprojekts ­
  gekommen  wäre.  Wenn  freilich  Preußen  einmal  den  Einfluß,
den  es  von  Ostpreußen  bis  Elsaß-Lothringen  geltend  machen  kann,  zur  Ablenkung
oder  erheblichen  Erschwerung  des  auf  Süddeutschland  bisher  entfallenden  Durchgangsverkehrs ­
  benutzen  würde,  so  könnten  die  finanziellen  Grundlagen  der  Unabhängigkeit
der  süddeutschen  Staatsbahnsysteme  ernstlich  gefährdet  erscheinen.
Durch  das  Zustandekommen  der  preußisch-hessischen  Gemeinschaft  war  es  Bayern
unmöglich  gemacht  worden,  etwa  einen  gesonderten  Zusammenschluß  des  rechtsrheinischen ­
  bayerischen,  des  hessischen  und  des  pfälzischen  Netzes  zu  bewirken.  Als  am
1.  Januar  1909  die  pfälzischen  Bahnen,  die  für  254,4  Millionen  Jl  erworben  waren,
mit  dem  bayerischen  Staatsbahnnetz  vereinigt  wurden,  ergab  sich  somit  für  Bayern
ein  Betrieb,  der  zwei  nichtzusammenhängende  Netze  umfaßt  und  die  Verkehrsvermittlung ­
  anderer  Systeme  in  Anspruch  nehmen  muß.
Wiederholt  tauchten  seit  dem  preußisch-hessischen  Eisenbahnabkommen  in  Süddeutschland ­
  Ideen  wie  zur  Zeit  des  Preußisch-Hessischen  Zollvereins  auf.  Manche
glaubten,  daß  sich  eine  Verwaltungsgemeinschaft,  die  noch  mehr  süddeutsche  Staaten
als  Hessen  mit  Preußen  vereinigt,  eines  Tages  herausbilden  könne.  Andere  empfahlen
eine  engere  Vereinigung  der  süddeutschen  Eisenbahnverwaltungen  untereinander,
ein  Gedanke,  mit  dem  sich  der  Reichskanzler  Fürst  Hohenlohe,  als  bayerischer  Ministerpräsident, ­
  vor  1870  eingehend  beschäftigt  hatte.
Die  weitere  Entwickelung  wird  wohl  nicht  zum  mindesten  durch  die  Finanzlage
der  süddeutschen  Staaten  und  durch  den  Umstand  mit  bestimmt  werden,  ob  es  Preußen
gelingt,  im  Süden  besondere  Sympathien  zu  gewinnen.  Käme  es  einmal  zu  einer
Ausdehnung  der  preußisch-hessischen  Gemeinschaft  auf  ganz  Deutschland,  so  wäre
übrigens  keineswegs  derselbe  Erfolg  wie  beim  Reichseisenbahnprojekt  erreicht.  Wäre
das  Reichseisenbahnprojekt  verwirklicht,  so  würden  im  Bundesrat  alle  deutschen
Regierungen,  auch  die  des  außerpreußischen  Norddeutschlands,  und  im  Reichstage
Vertreter  des  gesamten  deutschen  Volks,  auch  der  Arbeiterklasse,  der  Verwaltung
            
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.