598 Sechster Teil. Volkswirtschaftliche Zustände in Amerika.
deren Namen die Geschichte der Union für alle Zeiten verzeichnen wird. Die Goulds,
Vanderbilts, Rockefellers, Carnegies, Harrimans, Hills, Morgans, Stillmanns u. a.
haben der Verkehrs- und Jndustrieentwicklung der Union ungeahnte Wege gewiesen,
sie waren, wie mit Thomas Carlyle der Präsident Roosevelt sie nannte, wirklich „The
Captains of ludustry", die das Eisenbahnnetz über das Land gebreitet, den Handel
aufgebaut und die Industrien entfaltet haben. Und weil sie damit fraglos dem Volk
Gutes und Großes geschaffen haben, sind sie leitend und herrschend; die Nation bringt
ihnen umsomehr Vertrauen entgegen, als sie in richtigem Erfassen der Wirkung auf
die volkstümliche Eigenart große Summen aus ihren immensen Schätzen für die
öffentliche Wohlfahrtspflege — oft nicht ohne einige Demonstration — hergeben. Das
Bedenkliche aber liegt darin, daß die weitverzweigten und besonders die neueren
Unternehmungen augenblicklich so eng mit den einzelnen Männern, mit ihrer Kraft
und mit ihren Dispositionen verwachsen sind, daß ein Versagen oder Ausscheiden des
großen und allgewaltigen Einzelnen, wenigstens für eine geraume Weile, zu verderb
lichen Folgeerscheinungen führen kann. Jeder Mensch findet einen Ersatz, und selbst
die größten Reiche der Alten Welt haben sich ohne Erschütterung weiter gedeihlich
fortentwickeln können, auch wenn ihre Mitbegründer aus den Reihen der Mittätigen
oder Lebenden haben zurücktreten müssen. Wenn aber z. B. Herr Pierpont Morgan
heute abberufen werden sollte, würden zunächst die Werte all der Milliardenschöp
fungen, deren intellektuelles Oberhaupt, deren finanzielle Stütze er gewesen war, in Ver
wirrung geraten. Denn vielfach noch zu jung, zu frisch, zu wenig erprobt, zu un-
konsolidiert ist manches, was dieses und der anderen Männer weit vorauseilender
Blick erfaßt und ihr rastlos schaffender Geist aufgetürmt hat. Dann erst wird sich zu
erweisen haben, ob genügend kommerzieller Nachwuchs zur Weiterführung vorhanden
ist, und vor allem, ob die finanzielle Grundlage der Industrien in ihrer gegenwärtig
groß angelegten Ausdehnung existenzberechtigt ist.
Erstaunlich aber und unvergleichlich sind einerseits die allgemeinen Leistungen
der amerikanischen Arbeit, anderseits die Produktionsmöglichkeiten des Landes. Die
Schätze, die der Boden auf seiner Oberfläche dem Pflug entgegenführt, und mehr noch
die Schätze, die der Boden in seinem Schoß an allem birgt, was Reichtum, Stärke und
Macht verleiht, sind so riesenhaft, daß sie imstande sind, von einem Jahre zum andern,
beinahe von einem Tage zum andern die Verhältnisse in dem Wettbewerb der
Nationen zugunsten der Vereinigten Staaten zu verschieben. Tritt an einer Stelle der
Union eine Stockung ein, zeigt sich ein Mißerfolg, ein vorübergehendes oder selbst
dauerndes Versiegen der Quellen, so haben Boden und Fleiß auch schon an einem
andern Ort für ausgiebigsten Ersatz gesorgt. Was die Natur dort gegeben, ist unendlich
viel, und der unermüdliche Fleiß gewinnt der Gabe der Natur den vollen Wert ab.
Hierin liegt ein beachtenswertes Gegengewicht gegenüber den Bedenken, denen
ich hinsichtlich des Wirkens einzelner überragenden Persönlichkeiten Ausdruck gegeben
habe. Die innere Tüchtigkeit der Gesamtbevölkerung ist markig. Man mag das
unausgesetzte Streben nach „malle money" als Mammonsdienst betrachten, — man
hat zu einer Verurteilung umsoweniger recht, wenn man sieht, daß im großen und
ganzen, im guten Durchschnitt, das Streben nach Erwerb sich streng an die Bedingung
bindet, daß der Erwerb auf anständige Weise gewonnen sei. Die Gesetze der Ver
einigten Staaten sind etwas dehnbar, und der Bürger dort geht auf dem Weg, den
das Gesetz erlaubt. Aber das gegebene Wort ist heilig. Jeder verlangt von dem
andern und setzt voraus, er solle genau überschauen, wozu das gegebene Wort den
einen wie den andern verpflichtet. Der Geschäftsmann der Vereinigten Staaten kennt
keinen andern Ehrgeiz als die anständige Wahrnehmung seines Geschäfts und die
Erreichung geschäftlichen Erfolgs durch ausdauernde und kluge Arbeit. Er verzeiht
nicht und vergißt nicht eine Verfehlung gegen den geschäftlichen Anstand, auch dem