Full text : Volkswirtschaftliches Quellenbuch

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Sechster  Teil.  Volkswirtschaftliche  Zustände  in  Amerika.

des  Handels  im  allgemeinen  zu  vertreten  habe.  Sie  betrachtet  es  noch  heute  als  einen
Bestandteil  ihres  Wesens,  daß  sie  bei  der  Erneuerung  und  Klarstellung  ihres  Privilegs
nach  dem  Unabhängigkeitskriege  (1784)  in  der  neuen  Charte  ihren  Namen  mit  dem
Zusatze  „of  the  State  of  New  York“  anführen  ließ.  Die  Wahrnehmung  persönlicher
oder  örtlicher  Interessen  hat  sie  stets  den  zahlreich  sich  bildenden  Boards  und  Exchanges
überlassen.  So  wird  in  New  Pork  schon  in  den  Jahren  1792—93  ein  Board  of
Brokers  erwähnt,  dessen  Funktionen  die  heutige  Stock  Exchange  fortsetzt.  Neben
dieser  bestehen  die  Produce  Exchange,  die  Cotton  Exchange  usw.  Alle  diese
Börsen  sind  im  Eigentum  von  Körperschaften,  die  sich  als  Vertretung  der  betreffenden
Handelsinteressen  betrachten  und  ihren  Mitgliedern  die  neuesten  Handelsnachrichten,
Erleichterung  des  telegraphischen  und  telephonischen  Verkehrs,  vor  allen  Dingen  die
Gelegenheit  zu  Geschäftsabschlüssen  in  dem  dazu  bestimmten  Raume  beschaffen.  Für
die  örtlichen  Interessen  des  New  Jorker  Handels-  und  Verkehrslebens  besteht  ein  eigenes
Board  ok  Trade  and  Transportation.  Der  Unterschied  zwischen  einer  Chamher
of  Commerce,  die  die  allgemeinen  Handelsinteressen  wahrnimmt,  und  einem  Board
of  Trade,  das  sich  zur  Ausgabe  macht,  die  Interessen  der  am  Orte  tätigen  Mitglieder
zu  fördern,  wird  in  New  Park  so  scharf  betont,  daß  man  auf  Befragen  gelegentlich
hören  kann,  es  seien  dies  die  denkbar  größten  Gegensätze,  die  nichts  miteinander
gemein  haben.  In  der  Tat  wird  das  Wort  Board  of  Trade  zuweilen  zur  Bezeichnung ­
  von  Körperschaften  gebraucht,  die  eine  Art  Kreditversicherung  der  einzelnen
Mitglieder  betreiben.  Allein  dieser  Sprachgebrauch  ist  keineswegs  allgemein  -
amerikanisch.  Es  gibt  eine  Reihe  von  Orten,  an  denen  das  Wort  Board  ok  Trade
die  amtlich  korrekte  Bezeichnung  für  das  ist,  was  man  in  New  Park  unter  Chamher
of  Commerce  versteht.  In  Chikago  gibt  es  für  die  Wahrnehmung  der  allgemeinen
Handelsinteressen  nur  ein  Board  of  Trade;  aber  das  Gebäude,  in  dem  es  sich  befindet, ­
  heißt  Chamher  of  Commerce  Building.  Und  in  Cincinnati,  wo  sich  ein
Board  of  Trade  Company  in  her  Tat  für  Zwecke  nach  Art  der  Kreditversicherung  für
ihre  ca.  100  Members  (d.  h.  Aktionäre)  gebildet  hat,  wurde  mir  dies  in  den  Kreisen
der  Handelskammer  sogar  als  eine  „rnisapplication  ok  the  title“  bezeichnet.  In
Philadelphia  nennt  sich  die  hochangesehene  dortige  Handelsvertretung  nicht  nur
selbst  Board  ok  Trade,  sondern  hat  diese  ihre  Bezeichnung  auch  auf  den  amerikanischen
Handelstag  übertragen,  während  einer  Vereinigung  für  mehr  örtliche  Interessen  der
Name  Trade's  League  beigelegt  ist.  Andererseits  nennen  sich  in  kleinen  Städten
jene  Körperschaften,  die  sich  auf  rein  örtliche  Interessen  beschränken,  ebenfalls
Chamher  of  Commerce.  Solche  habe  ich  in  Albany  und  in  Wilmington  N.  E.
kennen  gelernt.  An  dem  letztgenannten  Orte  findet  sich  daneben  ein  Board  of  Trade,
für  welches  im  wesentlichen  keine  anderen  Aufgaben  bestehen  als  die  lokalen,  die
auch  die  Handelskammer  bereits  wahrnimmt.  Gleichwohl  besteht  an  diesem  mittleren
Platze  zwischen  den  beiden  Körperschaften  ein  ebenso  gutes  Einvernehmen  wie  an
großen  Orten,  an  denen  sich  übrigens  nicht  selten  neben  einer  Chamher  of  Commerce
ober  einem  Board  of  Trade  (oder  gar  beiden)  noch  eine  Merchants’  Association
gebildet  hat.  Die  Amerikaner  betrachten  diese  Vielgestaltigkeit  des  Korporationslebens ­
  als  einen  wesentlichen  Vorzug,  der  es  jeder  Interessengruppe,  die  an  der
einen  Stelle  sich  zu  kurz  gekommen  glaubt,  ermögliche,  sich  an  einer  andern  zur
Geltung  zu  bringen,  die  auch  gegenüber  schnell  wechselnden  Zeitverhältnissen  eine
stärkere  Modulationsfähigkeit  der  Vertretungsorgane  bewirke.  Von  der  Vertretung
der  allgemeinen  Handelsinteressen  (z.  V.  aus  Anlaß  eines  Handelsvertrages)  führt
eine  ununterbrochene  Kette  von  Übergängen  zu  solchen  Interessen,  die  teils  allgemein,
teils  örtlich  sind  (wie  z.  B.  Hafen-  und  Straßenanlagen),  und  zu  solchen,  die  so
rein  lokaler  und  persönlicher  Art  sind,  daß  man  sie  bei  uns  überhaupt  nicht  mehr
zu  den  Aufgaben  einer  Handelsvertretung  rechnen  würde,  wie  z.  B.  die  Merchants'
            
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