Full text: Die Nationalökonomie in Frankreich

Die Nichtinterventionisten 
227 
geht (oder im Gemeineigentum der Familie verbleibt). Un 
wesentlich ist, daß dieser meist der älteste Sohn ist. Dieses 
System besteht noch unter den Bauern von Biscaya, in einzelnen 
Teilen Deutschlands, Österreichs und Skandinaviens und bei 
dem englischen Adel. Fruchtbar erweist es sich nur, wenn mit 
dem Privileg der Geburt die Tugenden der Ahnen vererbt 
werden. Geschieht dies, so bewirkt das System die Heran 
bildung einer Elite und trägt zur Stabilität der Staaten bei. 
Es hat jedoch den doppelten Nachteil, einmal die Verfügungs 
freiheit des Besitzers einzuschränken und häufig auf ein bloßes 
Nutznießungsrecht herabzudrücken ; dann aber auch die väter 
liche Autorität zu begrenzen und deren Träger zu hindern, selbst 
den würdigsten Nachfolger zu wählen. Das System wird endlich 
ungerecht und drückend empfunden, wenn es auf den Adel 
allein beschränkt bleibt, wie in Frankreich vor der Revolution *). 
Die zwangsweise gleiche Erbteilung wurde Frankreich durch 
den Nationalkonvent und den Napoleonischen Code Civil 
auferlegt. Zweck und Wirkung derselben ist, die väterliche 
Autorität, die Familien und alle häuslichen Traditionen der 
Vergangenheit brutal zu zerstören. Sie zerstört die väterliche 
Autorität, weil sie den Familienvater der wirksamsten Sanktion 
derselben entkleidet ; sie zerstört die Fruchtbarkeit der Ehe und 
gefährdet die Zukunft des Volkes, weil sie den Eltern kein 
anderes Mittel, den sozialen Rang und „die Arbeitsstätte“ 2 ) der 
Familie den zukünftigen Geschlechtern zu erhalten, übrig läßt, 
als sich auf die Zeugung eines oder höchstens zweier Kinder 
zu beschränken ; sie zerstört endlich die Stabilität des Familien- 
herdes, indem, wenn mehrere Kinder vorhanden sind, keines 
derselben ihn zu übernehmen vermag und derselbe folglich zur 
Veräußerung gelangen muß. Die zwangsweise gleiche Erb 
teilung ist von jeher von den Siegern den unterjochten Völ- 
J ) Le Play, Réforme Sociale, Bd. I, cap. 2, § 19. 
2 ) Wir übersetzen mit „Arbeitsstätte“ den Begriff „atelier“ der Le Play 
seben Terminologie. Derselbe bedeutet den Betrieb, aus dem eine Familie ihren 
Lebensunterhalt zieht oder genauer, „den Ort, wo die ein Bewerbe oder einen 
freien Beruf kennzeichnenden Arbeiten ausgeführt werden“. Unter „atelier“ 
versteht also Le Play ebensowohl einen Bauernhof, ein Jagdrevier oder eine 
Fischbank, wie eine Werkstätte, eine Fabrik, einen Laden oder ein Bureau usw. 
Ofr. Méthode Sociale, p. 445.
	        
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.