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Die liberale Schule
deutend von dem der Deduktion abweichen, weil es uns un
möglich ist, alle Umstände in Berechnung zu stellen, welche
auf das definitive Resultat einwirken. Deshalb muß man so
oft als möglich vergleichen, ob das Ergebnis der Deduktion
von der tatsächlichen Entwicklung der Dinge bestätigt wird.
Wird nun nach dieser Methode verfahren, so erhellt, daß die
Nationalökonomie eine „nicht auf Hypothesen, sondern voll und
ganz auf der Erfahrung aufgebaute Wissenschaft ist“ *).
Wenn wir die Werke J. B. Says auf die Betätigung dieser
seiner methodologischen Grundsätze hin prüfen, so sehen wir,
daß bei ihm wirklich „eine kleine Zahl von grundlegenden
Prinzipien“, welche aus allgemeinen Tatsachen induziert wur
den, und „eine große Zahl von Korollaren oder Folgerungen
aus diesen Prinzipien“, d. h. also deduktiv gewonnene Erkennt
nisse, die Nationalökonomie ausmachen. Zur Kontrolle dieser
Erkenntnisse verbraucht er ein riesiges Tatsachenmaterial. Aber
diese Kontrolltätigkeit hat den Charakter eines polyhistorischen
Sammelns von geeigneten Belegstücken, welche die deduktiven
Folgerungen bestätigen, nicht aber eigentlich kontrollieren.
Allerdings war seine Epoche dazu angetan, ihm den einseitigen
Charakter seiner Tatsachenfeststellungen nicht zum Bewußtsein
kommen zu lassen. Was in wirtschaftlichen Dingen zurzeit
Says geschah, wo die Schranken, welche die Gesetzgebung
vergangener Epochen dem Wirtschaftsleben gezogen, zu fallen
begonnen hatten, das war für ihn die natürliche Ordnung der
Dinge. Die Vortrefflichkeit dieser Ordnung bewiesen ihm tag
täglich die Wunder, welche die aufstrebende Großindustrie vor
seinen Augen vollbrachte. Die Forderung der vollen Freiheit
des Wirtschaftslebens erschien ihm so durch die großartigen
Ergebnisse ihrer teilweisen Verwirklichung, also durch die Er
fahrung, als einzig richtige für alle Zukunft erwiesen.
Die feste Überzeugung J. B. Says, die Nationalökonomie,
wie er sie vorträgt, sei eine rein empirische Wissenschaft, ist
eine Selbsttäuschung, der die Wirtschaftstheoretiker der libe
ralen Schule in Frankreich immer wieder zum Opfer fielen.
J. B. Say lehrte 1819—1830 am Conservatoire National des
Arts et Métiers in Paris, 1830 bis zu seinem Tode (1832) am
0 Cours complet pag. 6—7.