Der Solidarismus bei Charles Gide
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sich von der konsumgenossenschaftlichen Organisation des Wirt
schaftslebens verspricht, nennen wir nur die hauptsächlichsten :
Der korporative Egoismus wird bis zu dem Grade veredelt wer
den, wo er alle Menschen umfaßt. Die menschliche Indivi
dualität wird eine ungeahnte Entwicklung erhalten. Jedes In
dividuum, bis auf die tiefsten Stufen animalischen Lebens hinab,
entwickelt sich nämlich naturgemäß im umgekehrten Verhältnis
zum Leben für sich, und in direktem Verhältnis zum Leben
für andere. Ebenso gewinnt die Individualität des Menschen
eine um so größere Fülle, je mehr er Glied eines sozialen Ganzen
(Familie, Sippe, Stamm, Volk, Genossenschaft) wird, und für
dieses zu leben und im Bedarfsfall zu sterben bereit ist.
Christus, der vollendetste Typus menschlicher Individualität,
hat sich für die ganze Menschheit aufgeopfert. Die Entfaltung
der Konsumgenossenschaften wird bewirken, daß niemand sich
mehr wird bereichern können, ohne daß alle andern an seiner
Bereicherung Anteil haben. Sie wird die Menschen dazu er
ziehen, im Hinblick auf Erfolge zu arbeiten, die dem einzelnen
nicht mehr nützen werden, als allen andern. Die Konsum
genossenschaften werden das Kapital aus der führenden Rolle,
die es in den Aktiengesellschaften und in der ganzen heutigen
Wirtschaftsordnung inne hat, in die dienende hineinzwingen,
die ihm gebührt. Die Ungerechtigkeit, die darin liegt, daß die
Konsumenten den Produzenten geopfert werden, wird beseitigt
werden. Die Produktion wird nur mehr auf Bestellung arbeiten
und weder zu viel noch zu wenig erzeugen. Die wirtschaft
lichen Krisen werden unmöglich sein. Die internationalen
Handelsbeziehungen werden durch Verträge geregelt werden,
welche die Konsum verbände eines Landes mit denen der andern
abschließen. So wird nach und nach der Kapitalismus über
wunden und die Wirtschaftsordnung ohne andere Enteignung
sozialisiert als die, welche aus dem freien Spiel der gegenwärtigen
wirtschaftlichen Gesetze sich ergibt.
Eine bedeutsame Folge der Vergenossenschaftlichung der
Wirtschaftsordnung wird die Beseitigung der Lohnarbeit sein 1 ).
Die Beseitigung der Lohnarbeit war das Ideal des französischen
Proletariats, bis um die Mitte des XIX. Jahrhunderts der Kol-
1 ) Ch. Gide, Cours d’Econ. polit., p. 666 ff.