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Die Nationalökonomie bei den Philosophen und Soziologen
Die Solidarität aus Unähnlichkeiten ist ganz anderer Natur ;
sie entwickelt sich mit dem Erstarken der Persönlichkeit. Die
mechanische Solidarität ist nur in dem Maße möglich, als das
Individuum in der Kollektivität aufgeht; die Solidarität aus
Arbeitsteilung ist nur möglich, wenn jeder eine ihm eigene
Aktionssphäre, folglich eine Persönlichkeit hat. Denn eine
Person sein, heißt eine selbständige Quelle von Tätigkeit sein.
Eine Tätigkeit wird um so reicher und intensiver, je mehr sie
sich spezialisiert. Die Fortschritte der individuellen Persönlich
keit hängen von denen der Arbeitsteilung ab; diese von dem
Verschwinden der Schranken, welche die primitiven mensch
lichen Gruppen voneinander trennen. Wenn diese Schranken
zu fallen beginnen und die Individuen verschiedener Gruppen
mit einander in Verkehr treten, bilden sich arbeitsteilige, gesell
schaftliche Funktionen heraus. Diese hängen aber voneinander
ab und stellen ein solidarisches Ganzes dar. In jeder Arbeits
gruppe entstehen alsbald Anschauungen, welche sich in sitt
lichen Regeln kondensieren, die auch ohne gesetzliche Sanktion
Gehorsam erzwingen. Sie bilden die Berufsmoral. Dadurch, daß
sich diese Regeln nicht auf das gemeinsame Leben in der Ge
sellschaft, sondern auf die verschiedenen Formen der beruflichen
Tätigkeit beziehen, haben sie einen zeitlichem Charakter, der,
ohne ihnen ihre zwingende Gewalt zu nehmen, sie der Ein
wirkung der Menschen zugänglicher macht. Über jede einzelne
Berufsmoral hinaus erzeugt die Arbeitsteilung ferner Regeln, die
das friedliche und geordnete Zusammenwirken der geteilten
Funktionen sichern. Die Arbeitsteilung schafft darum nicht nur
berufliche Solidaritäten, sondern auch eine gemeinsame, gesell
schaftliche Solidarität.
Die charakteristische Wirkung der Spezialisierung der
Funktionen, d. h. der Arbeitsteilung, ist also einerseits die Ent
wicklung der Persönlichkeit, andererseits die Abhängigkeit des
Individuums von der Gesellschaft zu fördern. Die Individualität
des Ganzen wächst mit der der Teile; die Gesellschaft wird in
dem Maße fähiger, als Ganzes zu leben, als jedes ihrer Elemente
mehr eigenes Leben hat. Die Solidarität, die aus der Arbeits
teilung folgt, ähnelt denn auch der, welche man bei den hohem
Tieren beobachtet. Jedes Organ hat bei diesen eine eigene
Selbständigkeit, und dennoch ist die Einheit des Organismus