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Die Nationalökonomie bei den Philosophen und Soziologen
Soweit das System und das Zukunftsprogramm Dürkheims.
Wir versagen uns, in moralphilosophische Erörterungen darüber
einzutreten, weil uns das zu weit von dem eigentlichen Gegen
stand des vorliegenden Werkes abbringen würde. Desgleichen
kann von einer kritischen Besprechung der eingangs skizzierten
Methode Dürkheims abgesehen werden, weil wir gleich unten
bei der Besprechung Simiands uns noch eingehender damit zu
befassen haben werden. Wir beschränken uns darum auf wenige
Bemerkungen, speziell zu der tatsächlichen Gestalt, welche die
induktive Methode bei unserm Autor annimmt.
Obwohl Durkheim sich nicht gerade durch Verständnis
für transzendentale Momente bei seinen sozialwissenschaftlichen
Forschungen hervortut, so weist er doch bemerkenswerte Be
rührungspunkte mit hervorragenden Vertretern transzendentaler
Weltanschauung auf. Mit Le Play hat er gemein bei dem
Versuche, ein sozialethisches System induktiv zu fundamentieren,
aphoristische Momente mit voraussetzungslos sein wollender
Tatsachenbeobachtung zu vermengen. Mit de la Tour du Pin
teilt er das Ideal einer korporativen Gesellschaftsordnung.
Wenn Durkheim das Wesen der Arbeitsteilung darin
sieht, daß sie die von ihm organisch benannte Solidarität er
zeugt, so ist das weniger eine Induktion aus Beobachtung der
Wirklichkeit, denn eine aphoristische Begriffsbestimmung, die
einen derartigen Abstraktionsgrad erreicht, daß sie von der
Wirklichkeit nur mehr ein bedenklich irreales Bild gibt 1 ). Ferner
verwirft Durkheim die Soziologie Auguste Comtes, weil
sie die gesuchten Kausalbeziehungen vorher bestimmt, indem
sie darin a priori den Ausdruck der Richtung sieht, in der sich
die Geschichte der Menschheit im allgemeinen bewegt. Ja, ist
denn vielleicht der Gang der Dinge, den Durkheim annimmt,
>) Es ist Durkheim weniger darum zu tun, die Wirklichkeit darzustellen
oder zu erklären, als aus ihrer Beobachtung ein ideelles Prinzip des Seinsollens,
eine Norm der Ethik zu gewinnen. Er beobachtet nun, daß die Arbeitsteilung
in einem Fall Solidaritäten, in dem andern das Gegenteil erzeugt. Flugs be
zeichnet er Fälle der ersten Art als normale, wesentliche Wirkungen der Arbeits
teilung, während er solche der zweiten Art als pathologische Wirkungen der
selben hinstellt. Welches Kriterium hat er hierfür? Kein anderes als die
Begriffsbestimmung: das Wesen der Arbeitsteilung besteht darin, Solidaritäten
zu erzeugen. Wir haben es also im Grunde mit einer petitio principii zu tun.