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Mißtrauens. In Zeiten kriegerischer Verwicklungen tritt aber auch ein effektiver
Geldbedarf ein. Das Ausland, welches rüstet, sucht Gelder beizuziehen.
Dies kann indirekt eine schwere Schädigung von Handel und Industrie bei uns
bedeuten. Ein Land wie Frankreich kann seine Produktion ziemlich schonen,
weil es als Gläubiger von ganz Europa zunächst die sonstigen Reserven anzutasten
vermag. Die großen Banken haben im ganzen die Neigung, die Industrie,
mit der sie näher verbunden sind, zu berücksichtigen. Dies erklärt wohl auch
die von vielen Seiten behauptete Tatsache, daß 1912 und 1913 die Banken
Westösterreichs mit der Kündigung der Kredite in Galizien und in der Bukowina
rascher vorgingen, als in Böhmen oder Niederösterreich. Die Banken
standen letzteren Gebieten eben näher als ersteren.
Aber auch ohne daß die Banken so planvoll Vorgehen, kann die Zurückziehung
der Gelder ziemlich automatisch erfolgen, wenn die Zinsfußdifferenz
sich gegen früher geändert hat. Wenn in einem Lande der Zinsfuß 3, in
einem anderen dagegen 6 Prozent beträgt, so werden die Banken des zuerst
genannten Landes ihr Geld gern in dem Lande anlegen, in welchem der
Zinsfuß 6 Prozent ist. Wenn im Falle einer politischen Krise der Zinsfuß
von 3 Prozent auf steigt, der von 6 auf 7, dann wird möglicherweise
ein Anreiz zur Zurückziehung der Gelder gegeben erscheinen. Denn wenn auch
noch immer eine Differenz besteht, so ist die doch möglicherweise zu klein,
um das erhöhte Risiko zu tragen, von anderen Momenten ganz abgesehen.
Statt daß die Staatsbürger in so schweren Zeiten einander helfen und
fördern, schädigen sie einander oft auf das empfindlichste. Man zwingt
die Gesamtheit zu einer Art Liquidation, die in ruhigen Zeiten nicht glatt
durchführbar ist, geschweige denn in Kriegszeiten. Was ist die Folge davon,
daß man z. B. in einer Sparkasse Gelder behebt? Sie gibt zunächst Geld
aus ihren Kassen ab, dann leiht sie sich Geld bei der österr.-ungar. Bank
aus, möglicherweise gegen Hinterlegung von Staatspapieren ; genügt das auch
nicht, so muß sie daran gehen, Kredite zu kündigen, die sie selbst gewährt hat,
mindestens aber wird sie keine neuen Kredite gewähren, was 1912 und 1913
allenthalben zu beobachten war. In Friedenszeiten sind die Schuldner nicht
immer in der Lage, Annuitäten und Zinsen gleich zu zahlen, geschweige denn
in Kriegszeiten. Da nun die Sparkassen wichtige soziale Aufgaben als Geldgeber
nicht bedrücken sollen, werden sie durch die Kündigungen in die
peinlichste Lage versetzt.
Die Gesamtheit des Publikums kündigt auf Umwegen
eigentlich sich selbst die Kredite. Die Geldgeber und die Geldnehmer
sind zwar nicht dieselben Personen, aber sie gehören der gleichen
Gemeinschaft an. Indirekt bekommen es alle zu spüren. Es würden vielleicht
manche glauben, daß eben auf dem Gebiete des Geldwesens die Menschen
notwendigerweise eine zügellose Rotte sein müssen und man nichts dagegen
tun kann. Dies gilt nun nicht so unbedingt. Es ist zwar sicher, daß in
Geldsachen bei den meisten leider die Gemütlichkeit aufhört, aber Ausnahmen
kommen vor. So hatte ich bei meinen Reisen in Bosnien Gelegenheit, zu
erfahren, daß in den Kassen der deutschen Kolonisten während des Krieges
die Einlagen zugenommen haben, und zwar infolge einer dringenden Aufforderung
der Leitung, die darauf hinwies, daß eine Kündigung der Gelder die
Kassen zwinge, arbeitsamen Landwirten die zum landwirtschaftlichen Betriebe
nötigen Gelder zu entziehen. Wer Geld einlege, fördere damit die Landwirtschaft
der eigenen Nation, wer Geld behebe, schädige sie. Daß dieser Appell
bei den auf einer hohen Stufe stehenden Kolonisten Bosniens wirkte, begreift
man leicht. Aber auch in Galizien gelang es vielen Raiffeisenkassen-Vorständen,
beruhigend zu wirken.
Wir sehen aus diesen wenigen Andeutungen, daß die Beruhigung der Einleger
dort am leichtesten ist, wo die Kassen klein sind. Man kann ein paar
Dutzend Leute in einem Gasthause versammeln und ihnen darlegen, was sie
eigentlich damit tun, wenn sie die Gelder kündigen ; dies ist bei einer großen
Einlegerzahl nicht mehr möglich. Aus diesem Grunde sind in Kriegszeiten
in mancher Richtung die kleinen Kassen den große nvorzuziehen.
Nichts erhöht eine Panik mehr, als der suggestive Anblick tobender und