Full text : Durch die Kriegswirtschaft zur Naturalwirtschaft

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12.  Der  Kriegserfolg.
1.  Eroberung  und  Einflußsphäre.
Wir  müssen  uns  nun  darüber  unterrichten,  welche  Wirkungen  denn  ein
siegreicher  Krieg  ausübt.  Beginnen  wir  mit  der  Okkupation  eines  Gebietsteiles. ­
  Norman  Angell  behauptet  einfach:  „Reichtum,  Wohlfahrt  und  Wohlbe^
finden  einer  Nation  hängen  in  keiner  Weise  von  ihrer  politischen  Macht  ab“.
Dies  wäre  dann  der  Fall,  wenn  es  keine  Zollgrenzen  geben  und  man  keine  Bevorzugung ­
  bestimmter  Bevölkerungsgruppen  kennen  würde.  Durch  die  Verschiebung ­
  der  Zollgrenzen  kann  man  aber  erhebliche  Vorteile  erzielen  ;  man
kann  Absatzgebiete  bekommen,  die  einem  früher  verschlossen  waren.  Bevor
Österreich-Ungarn  Bosnien  okkupierte,  mußte  es  beim  Import  nach  diesem  Lande
die  türkischen  Zölle  zahlen,  nach  der  Okkupation  fielen  dieselben  weg.
Die  Eroberung  eines  Gebietsteiles  kann  aber  auch  schwere  Schäden  für
den  Eroberer  nach  sich  ziehen.  In  der  Literatur  Rußlands  und  Österreich-Ungarns
  bespricht  man  häufig  die  Wirkungen  eines  Kriegs  zwischen  diesen
beiden  Staaten.  Angenommen  Österreich-Ungarn  wäre  siegreich  und  ein  Teil
von  Russisch-Polen  würde  annektiert.  Das  Resultat  wäre,  daß  Russisch-Polen,
welches  jetzt  den  ganzen  Osten  mit  Waren  versorgt  und  eine  gewaltige  Industrie
besitzt,  vom  Osten  durch  Zölle  ferngehalten  würde.  Es  wäre  für  Rußland
Ausland,  wie  heute  etwa  England.  Innerhalb  Österreich-Ungarn  müßte  die
polnische  Industrie  einen  Ersatz  suchen.  Sie  müßte  hier  mit  der  österreichischen
und  Ungarischen  Industrie  kämpfen.  Galizien  dürfte  ihr  sofort  als  Absatzgebiet
zufallen.  Die  westösterreichische  Industrie  könnte  sich  einer  ^Inischen  gegenüber ­
  dort  kaum  halten.  Ich  weise  nur  flüchtig  auf  solche  Probleme  hin  und
lasse  andere  Fragen  ganz  aus  dem  Spiel.  So  würde  z.  B.  die  Angliederung
größerer  Polenmassen  in  Deutschland  zweifellos  Mißstimmung  erregen,  da  man
dort  jede  Stärkung  des  Polentums  in  Deutschland  oder  in  der  Monarchie  fürchtet.
Wir  sehen  an  diesem  einen  Beispiel,  daß  man  sich  gleichzeitig  mit  der  militärischen ­
  Eroberung  die  Folgen  derselben  auf  Produktion  und  Handel  ausmalen ­
  muß,  soll  man  nicht  nachträglich  Probleme  lösen  müssen,  von  denen
man  im  Vorhinein  nicht  weiß,  ob  man  ihnen  gewachsen  ist.
Von  größter  Wichtigkeit  ist  auch  die  Angliederung  von  Rohstoff  gebiet ­
  en.  Es  ist  z.  B.  für  Deutschland  sehr  bedeutsam,  die  Baumwollgebiete
Mesopotamiens  seiner  Einflußsphäre  einzugliedern.  Nur  so  kann  es  hoffen,
vom  nordamerikanischen  Baumwollmarkt  unabhängig  zu  werden.  Nicht  nur
im  Kriegsfall,  auch  im  Falle  eines  wirtschaftlichen  Konfliktes  ist  Deutschlands
Abhängigkeit  von  Amerika  eine  Bedrohung  der  Industrie.  Die  Vereinigten
Staaten  könnten  z.  B.  als  Repressalie  einen  erheblichen  Ausfuhrzoll  auf  Baumwolle ­
  legen.  Daß  Ausfuhrzölle  Vorkommen,  ist  ja  bekannt.  So  kennen  wir
in  der  Monarchie  einen  Ausfuhrzoll  auf  Hadern,  die  zur  Papierfabrikation  benötigt ­
  werden;  es  ist  dies  ein  industriefördernder  Zoll,  während  der  Ausfuhrzoll
Chiles  auf  Salpeter  ein  Finanzzoll  ist.  Um  von  den  Vereinigten  Staaten  in
Krieg  Und  Frieden  unabhängig  zu  sein,  aber  auch  aus  einigen  anderen  Gründen,
ist  Deutschland  bestrebt,  Berlin  mit  Bagdad  zu  verbinden.  Es  ist  aus  diesem
Grunde  für  Deutschland  sehr  wichtig,  daß  der  ganze  Schienenstrang  von  Berlin
bis  Bagdad  über  Gebiete  läuft,  die  deutschem  Einfluß  zugänglich  sind.  Deutschland ­
  braucht  die  Freundschaft  der  Türkei,  es  ist  an  einem  dreibundfreundlichen
Bulgarien  und  Rumänien  ebenfalls  direkt  interessiert.  Diese  großzügigen  Ideen
sind  aber  nicht  etwa  erst  ein  Ergebnis  der  letzten  Zeit.  Schon  der  große
deutsche  Nationalökonom  Friedrich  List  hat  Kleinasien  als  die  prädestinierte
Interessensphäre  Deutschlands  angesehen.  Ich  habe  diesen  einen  Gedankengang
hervorgehoben,  um  zu  zeigen,  welche  Dimensionen  internationale  Pläne  annehmen ­
  können.  Bei  uns  ist  man  wenig  gewöhnt,  derartige  Ideen  zu  verfolgen, ­
  da  wir  selbst  ¡nur  geringe  internationale  Interventionsmöglichkeiten  haben.
In  England  sind  weit  gewaltigere  Pläne,  offizielle  und  nichtoffizielle,  an  der
Tagesordnung,  auch  Rußland  beschäftigt  sich  immer  mehr  mit  derartigen  Kombinationen ­
  größten  Stils.
            
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