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Viertes Buch. Die Abtrünnigen.
sehen, das darin besteht, in den Lehren der Religion die Lösung der volks
wirtschaftlichen Probleme und den Plan einer Erneuerung der Gesellschaft
zu suchen 1 ).
Die Ursachen, die ihre Entstehung bestimmten, sind leicht genug
nachzuweisen. Es war zunächst eine Reaktion gegen den Sozialismus,
eine Reaktion, die in dem Maße, wie der Sozialismus sich immer mehr
materialistisch und antichristlich gebärdete, immer stärker zum Ausdruck
kam; es war die Pflicht der Kirche, mit dieser neuen Religion um die Seele
der Völker zu ringen: es war die Furcht, das Volk, ihr Volk, sich um das
rote Banner des Antichrist scharen zu sehen 2 ). Doch wäre es kindisch
und ungenau, hierin nur eine Konkurrenzfrage erblicken zu wollen. Man
muß hierbei vielmehr ein Erwachen des christlichen Gewissens verstehen,
das sich prüft, ob die Kirche nicht Christum verraten habe, ob sie über
ihrer göttlichen Aufgabe die irdische, die sie ebenfalls zu erfüllen hat,
nicht mißverstanden habe; ob sie, wenn sie die Bitten des Vaterunser
wiederholt: „Dein Reich komme!“ und „Unser täglich Brot gib uns
heute!“ nicht aus dem Auge verloren habe, daß dies Reich sich schon
auf dieser Erde verwirklichen solle, und daß das tägliche Brot, um das zu
bitten ist, nicht nur das des Almosen, sondern der Lohn der Arbeit sei!
Übrigens unterscheiden sich diese Lehren und diese Schulen sehr
bedeutend voneinander, und wir werden sehen, wie sie vom autoritärsten
Konservatismus bis zum revolutionärsten Anarchismus reichen. Kur
indem wir ihnen etwas Gewalt antun, ist es uns möglich, sie in den Rahmen
eines Kapitels zu bringen. Man kann jedoch gewisse positive und vor
Allem gewisse negative Charakterzüge herausarbeiten, die ihnen allen
gemeinsam sind und sie zu einer einzigen Familie machen.
In negativer Hinsicht verwerfen alle diese Lehren den LiberaliS'
mus der klassischen Schule. Nicht, daß sie Alle nun bereit wären, di®
Hilfe des Staates anzurufen, da, wie wir sehen werden, Einige von ihnen
antistaatlich sind. Nicht, daß sie die Existenz einer natürlichen Ordnung
leugnen, die sie gerade als Ausdruck des Willens Gottes unter dem Namen
der Vorsehung verehren. Aber der freigeschaffene Mensch hat sich gegen
diese Ordnung aufgelehnt, — die Worte Sündenfall und Sünde bezeichnen
*) Im Jahre 1832 schrieb ein heute vergessener katholischer Professor, de CoüX,
in einem Essai dUlconomie Politique betitelten Buche: „In seinen praktischen
Konsequenzen schließt der Katholizismus das bewunderungswürdigste sozialökonomische
System ein, das jemals auf Erden gegeben worden ist“.
2 ) „Gegenüber dem Sozialismus, der sich auf den Ruinen des liberalen System 8
erhebt, bleibt nur der Katholizismus bestehen, der allein stark genug ist, um ihm
Stand zu halten“ (Comte de Mun, La question sociale au XIX e siede, 1900).
„Man darf nicht zu dem Glauben Anlaß geben, als ob die Kirche ein Uolizis
im Priesterrock wäre, der sich im Interesse des Kapitals dem Volke entgegenWJri •
man muß im Gegenteil stets darauf hinweisen, daß sie im Interesse und für die * er '
teidigung der Schwachen handelt“ (Derselbe, Discours, April, 1893).