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ihren Verbündeten ungeheuren Schaden zufügen, und es wurde mit Recht her
vorgehoben : Wer bürgt dafür, daß morgen nicht irgend ein österreichischer
Industrieller in derselben ,,legalen“ Weise behandelt wird? Der Staat kann
z. B. bestimmte Tarifermäßigungen aufheben und sie für „alle“ derart äb-
ändern, daß die bekämpften Firmen allein darunter leiden. Der Staat kün
digte Gleise, die zur Zuführung von Rohmaterial unbedingt erforderlich sind,
ja er ging so weit, die Telephonapparate wegzunehmen und Füllständer für
Rohöl innerhalb 24 Stunden zu kündigen, alles Eingriffe, die formell nicht
über die legale Auflösung bestehender Verträge hinausgingen. Der Staat
kann aber auch seine Verwaltungsmacht zur Anwendung bringen, indem er
plötzlich in ungewohnter Weise für Hygiene und Sicherheit Sorge trägt.
Wenn auch viele dieses Vorgehen als Notwehr zu verteidigen suchten, so
konnten sie sich doch einer gewissen Beklemmung nicht erwehren. Wir sehen
aber an diesem markanten Beispiel, daß einerseits das Bedürfnis nach einer
Erweiterung der Staatsgewalt auf wirtschaftlichem Gebiet manchmal überaus
groß ist, und daß andererseits der Absolutismus auf diesem Gebiet selbst
von der Mehrzahl jener perhorresziert wird, welche die Angriffe an sich
billigen. Derartige absolutistische Maßnahmen, welche die wirtschaftliche
Sicherheit bedenklich zu schädigen geeignet erscheinen, könnten vermieden
werden, wenn der Staat normalerweise einen genügenden Einfluß besitzt,
um z. B. den Kampf gegen einen auswärtigen Trust aufnehmen zu können.
Wenn Österreich für die Rohölerzeugung und die Petroleumproduktion ein
dem Kaligesetz verwandtes Gesetz erhält, braucht man nicht mehr solch be
denkliche Eingriffe vorzunehmen, die aller Willkür Tür und Tor öffnen.
Die allgemeine Stimmung der deutschen und österreichischen Unternehmer,
sowie die bisherigen Erfahrungen deuten darauf hin, daß eine Verallgemeine
rung des Staatskartells zunächst auf mehr Zustimmung rechnen kann, als der
Staatstrust oder gar das Staatsmonopol. Es wäre sogar nicht ausgeschlossen,
daß iiie Staatskartelle ein Mittel sein könnten, um den von vielen so gefürch
teten Privattrusts entgegenzuarbeiten. Es liegt dann in der Hand der Gesamt
heit, den Bureaukratismus möglichst zurückzudrängen, dessen Maöhtentfaltung
überall dort gefürchtet wird, wo der Staatseinfluß zunimmt. Gegen ihn
protestieren bereits weite Kreise der Bevölkerung, und besonders die Ver
treter der Industrie und des Handels sind seine heftigsten Gegner. Es ist
ein überaus schwieriges Problem, wie man in unserer Entwicklung die Frei
heit der Persönlichkeit und die verantwortungsvolle Initiative mög
lichst viel wahren kann, während die Freiheit der Konkurrenz sich immer
mehr ihrem Ende nähert. Diese Frage hängt aber nicht mit der Tatsache
zusammen, daß staatliche Organisationen entstehen, sondern damit, daß Riesen
organisationen entstehen. Die Stellung des Einzelindiyiduums im Trust, ja
in irgend einem großen Unternehmen ist vielfach weniger frei als innerhalb
der Bureaukratie. Die Rechte sind zuweilen weit geringer, die Abhängigkeit
dementsprechend größer. Es mögen nicht wenige sein, die den Worten jenes
deutschen Professors zustimmen, der bei der letzten Generalversammlung des
Vereins für Sozialpolitik erklärte, er sei zurzeit noch lieber Staatsprofessor als
Trustprofessor.
Mit der Entstehung der Staatskartelle würde die Entwicklung in dieser
Richtung noch nicht ihr Ende gefunden haben. Der Staat wird dann nicht
umhin können, sich auch andere Verbände in ähnlicher Weise staatlich zu
assimilieren, so Arbeiterverbände und vor allem die wohl allmählich
immer mehr anwachsenden Konsumenten verbände. Abnehmerverbände
sind ohnedies unter den Staatskartellen vorhanden, die vielleicht zunächst in
Österreich realisiert werden. Erst wenn die wichtigsten Interessentengruppen
in solchen Verbänden vereinigt sind, kann man auch mit Erfolg daran gehen,
die Produktionseinschränkungen, die unsere heutige Wirtschaft in so trauriger
Weise charakterisieren, endlich zu beseitigen, ohne dadurch Krisen heraufzu
beschwören.
Wenn Verbände, wie sie durch das Kalisyndikat gut repräsentiert werden,
allgemeinere Verbreitung finden, dürfte auch die Frage der Kommunali
sierung der Fleisch- und Brotversorgung einige Aussicht