Full text : Durch die Kriegswirtschaft zur Naturalwirtschaft

Die  Kriegswirtschaftslehre  wird  die  Staaten  in  Gruppen  teilen  und  überdies  auch
darauf  Rücksicht  nehmen,  in  welchem  Staatensystem  sich  ein  bestimmter  Staat
befindet.  Sie  wird  einen  Unterschied  zwischen  solchen  Gebieten  zu  machen
haben,  die  im  wesentlichen  die  Eigentümlichkeiten  der  Geldwirtschaft  aufweisen, ­
  welche  vor  allem  durch  eine  Häufung  leicht  kündbarer  oder  kurzfristiger ­
  Verträge  charakterisiert  ist,  und  zwischen  jenen  Gebieten,  in  denen
die  Naturalwirtschaft  überwiegt  und  das  traditionelle  Zusammengehörigkeitsgefühl ­
  manche  Schäden  leichter  ertragen  läßt.  Es  wird  von  großer  Bedeutung
sein,  ob  in  einem  Staate  die  Grundl^sitzverteilung  eine  gleichmäßige  oder  ungleichmäßige ­
  ist,  ob  man  es  mit  Heeren  der  allgemeinen  Wehrpflicht  oder
mit  Söldnerheeren  zu  tun  hat,  ob  in  Friedenszeiten  Produktionseinschränkungen
stattzufinden  pflegen  oder  aber  alle  vorhandenen  Kräfte  voll  ausgenutzt
werden.  Kurzum,  schon  eine  flüchtige  Übersicht  zeigt,  welch  reiche  Gliederung
die  neue  Disziplin  notwendigerweise  besitzen  wird  und  welche  Fülle  von
Problemen  der  Lösung  harren.
Die  Kriegswirtschaftslehre  wurde  zum  Teil  so  stark  vernachlässigt,  weil  die
Theorie  der  Volkswirtschaft  bis  jetzt  noch  nidht  genügend  elastisch  ist,  um
verschiedene  Ordnungen  der  Wirtschaft  gleichzeitig  zu  umspannen.  Die  Historiker ­
  und  Geographen  werden  durch  die  Natur  der  Dinge  dazu  gedrängt,  von
vornherein  verschiedene  Wirtschaftsstufen  und  verschiedene  Wirtschaftsformen
zu  unterscheiden  und  anschaulich  zu  schildern.  Die  theoretischen  Nationalökonomen ­
  aber  haben  vielfach,  veranlaßt  durch  unklare  naturwissenschaftliche
Analogien,  darnach  getrachtet,  eine  einzige  Wirtschaftsordnung  als  „die“  Wirtschaftsordnung ­
  zu  konstruieren  und  die  verschiedenen  empirisch  Vorgefundenen
als  unwesentliche  Variationen  anzusehen.  Viele  suchten  nach  einer  Theorie  der
Wirtschaft,  wie  man  etwa  nach  einer  Theorie  der  Astronomie  sucht.  Weit  förderlicher ­
  wäre  es  in  mancher  Hinsicht  gewesen,  wenn  man  die  verschiedenen
Wirtschaftsordnungen  mit  verschiedenen  Maschinentypen  verglichen  hätte,  die
möglicherweise  einander  so  fremd  sein  könnten,  wie  eine  Dampfmaschine  einer
Elektrisiermaschine.  Auch  noch  andere  Mängel  der  Theorie  waren  wirksam,
auf  die  hier  nicht  näher  eingegangen  werden  kann.  Was  aber  wieder  die  Behandlung ­
  der  Wirtschaft  vom  historischen  oder  geographischen  Standpunkt
aus  anlangt,  so  bestand  die  Neigung,  den  Krieg  als  Abweichung  vom  Normalzustand ­
  zu  charakterisieren.  Und  es  ist  bemerkenswert,  daß  selbst  Nationalökonomen ­
  wie  Oppenheimer  iß),  die  doch  dem  Krieg  als  Historiker  und
Soziologen  eine  ausreichende  Würdigung  zuteil  werden  lassen,  seine  Eingliederung ­
  in  die  Wirtschaftsordnung  nicht  durchführen.  Es  scheint,  daß  eben  die
heutige  Struktur  der  nationalökonomischen  Theorie  eine  solche  Eingliederung
verhindert.  ,,  i  '  i  I  .  I  I  I  i
Ein  Ausbau  der  Kriegswirtschaftslehre  zu  einer  geschlossenen  Theorie  wurde
die  Entfaltung  der  Volkswirtschaftslehre  überhaupt  sehr  fördern,  weil  man  sich
so  daran  gewöhnen  würde,  neben  der  Friedenswirtschaftslehre,  um  diesen  Ausdruck
zu  gebrauchen,  auch  eine  Kriegswirtschaftslehre  anzuerkennen.  Vielleicht  wird
auf  diesem  Wege  rascher  als  auf  einem  anderen  die  Einsicht  zum  Durchbruch
kommen,  daß  die  volkswirtschaftliche  Theorie  in  der  Lage  ist,  vielerlei  Komplexe ­
  von  Erscheinungen  zu  beschreiben,  die  verschiedene  Verschiebungsregeln
für  ihre  Elemente  auf  weisen.  Abgesehen  davon,  daß  die  Kriegswirtschaftslehre
die  Erforschung  der  konkreten  Wirklichkeit  intensiver,  als  dies  bisher  der  Fall
war,  ermöglichen  wird,  da  sie  einen  immer  vorhandenen  Faktor  bewußt  andauernd ­
  berücksichtigt,  wird  sie  mit  dazu  beitragen,  die  Entfaltung  der  Gesamtdisziplin ­
  zu  fördern.  Deren  heutigem  Zustand  entsprechend  werden  sich  in
der  Kriegswirtschaftslehre  die  soziologischen,  historischen,  logischen  und  psychologischen ­
  Bestandteile  zunächst  noch  nicht  reinlich  voneinander  trennen  lassen,
und  sie  wird  den  Mangel,  der  darin  besteht,  ebenso  zu  tragen  haben,  wie  die
übergeordnete  Gesamtdisziplin.

IG)  F.  Oppenheimer,  Der  Staat.  Frankfurt  a.  M,
            
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