180
schaftlicher Markt ähnlich dem unseren bestände, eine allgemeine und durch
gehende Anteilschaftsbeteiligung möglich.
Der Roheisenverband könnte an der Naturalproduktion oder an den Natu
ralien, welche für das Produkt erhalten werden, jenes Verbandes beteiligt sein,
welchem er Fertigfabrikate liefert, dieser wieder, der etwa Maschinen liefert,
könnte an den Produkten beteiligt sein, welche die Fabriken liefern, welche
diese Maschinen erhalten. An keiner Stelle brauchte eine Abmachung auf feste
Mengen einzutreten, was bei einem Pankartellismus in der Geldordnung un
bedingt nötig wäre, weil an irgend einer Stelle Geldsummen, nicht Anteils
rechte auf Geldsummen auftauchen müßten. In dem naturalwirtschaftlichen
Marktverkehr dagegen könnte überall die Anteilschaft durchgeführt sein, weil
ja von der Naturalproduktion immer ein Anteil abgegeben werden kann. Ob
das wünschenswert und politisch durchführbar ist, kümmert unsere theoretische
Betrachtung ebensowenig, wie die rein geldtheoretische Betrachtung die Frage,
ob alle ihre Abstraktionen und Konstruktionen in der Realität Vorkommen.
Alles das sind Modelle, an denen wir unsere Beobachtungsgabe und unsere
Einsicht schulen.
Auch der Außenhandel wäre in der Naturalwirtschaftslehre entspre
chend zu behandeln. Wir könnten uns in einer staatlich kontrollierten Groß
naturalwirtschaft den Staat als Verwalter von Warenkontingenten denken, über
deren Export er entscheidet. Er würde etwa den Export genau umschriebener
Mengen an die Bedingung knüpfen, daß seitens eines anderen Staates der Im
port von anderen Waren zugesichert werde. In gewissem Sinne kamen ja
ähnliche Einrichtungen auch heute schon vor, z. B. in den Abmachungen
zwischen Rumänien und den Mittelmächten. Auch sonst kann der Staat welt
wirtschaftlich bedeutsame Eingriffe naturalwirtschaftlicher Art vornehmen, wenn
er z. B. sich die Disposition über den gesamten Schiffsraum eines Landes vor
behält. Auch in diesem Falle würde wohl eine umfassende Naturalrechnung für
die Verteilung maßgebend sein. Die Geldentschädigung, welche die einzelnen
Exporteure und Importeure der Schiffahrtsgesellschaft dann zahlen, wären
nicht entscheidend für die Verteilung des Schiffsraums. Auch hier ist die Ver
bandsbildung im Vorrücken begriffen, ja es kommen bereits Abmachungen auf
längere Zeiträume vor. Wir müßten so den Versuch machen, weltwirtschaftliche
Modelle naturalwirtschaftlicher Art zu entwerfen und die Wirkungen solcher
Einrichtungen untersuchen. Wenn wir uns dann genauer mit rein naturalwirt
schaftlichen Modellen des Weltverkehrs beschäftigt haben, können wir an die
Mischformen herantreten, die uns nach dem Kriege voraussichtlich entgegen
treten werden. Denn daß der Staat auch nach dem Kriege die Weltwirtschaft
stärker als früher zu beeinflussen trachten wird, unterliegt doch wohl keinem
Zweifel, zumal man politische Momente eine entscheidende Rolle spielen lassen
dürfte.
Wir können durch solche Betrachtungen unseren theoretischen Horizont
wesentlich erweitern und auf diese Weise auch den Fragen der Gegen
wart leichter gegenübertreten. Keime werden früher als solche erkannt und
viele Erscheinungen erst in ihrer vollen Bedeutung gewürdigt werden. Es
hängt dann von der politischen Stellungnahme des Einzelnen ab, ob er die so
entdeckten Keime pflegen und hegen, oder aber vernichten will. Derlei
Wünsche zu erzeugen ist nicht mehr Aufgabe der Wissenschaft. Aber auch
die historische Forschung würde von einem Ausbau der Naturalwirtschafts
lehre im angedeuteten Sinne wesentlich gewinnen. Wir verfolgen erfahrungs
gemäß jene Vorgänge am genauesten, denen wir auch theoretisch einen ge
wissen Reiz abzugewinnen vermögen. Es ist wohl kein Zufall, daß man jetzt
auch in der Vergangenheit mehr kriegswirtschaftlich Interessantes findet, ob
gleich das diesbezügliche Material seit jeher leicht greifbar vorlag. Ähnlich
steht es mit den naturalwirtschaftlichen Erscheinungen. Während man die
Entwicklung der Geldwirtschaft bis in alle feinsten Verzweigungen verfolgte,
isolierte Sonderbarkeiten untersuchte, hat man die naturalwirtschaftlichen Ein
richtungen sehr obenhin erforscht und die doch historisch gegebenen
höheren naturalwirtschaftlichen Institutionen in der natio
nalökonomischen Literatur so gut wie gar nicht gewürdigt. Erwähnte man