Full text : Durch die Kriegswirtschaft zur Naturalwirtschaft

183

XI.
Großvorratswirtschaft  und  Notenbankpolitik.
(1917.)
Die  geldwirtschaftlichen  Einrichtungen  sind  dadurch  charakterisiert,  daß
sie  irgendwie  mit  Geldzahlungen  Zusammenhängen,  d.  h.  mit  der  Übertragung
mannigfachster  Dinge  und  Leistungen,  ohne  daß  im  Augenblick ­
  der  Erwartungsübertragung  die  Menge  und  Art  der  zu  erwartenden  Dinge
und  Leistungen  bestimmt  wäre.  Die  naturalwirtschaftlichen  Einrichtungen  sind
dadurch  charakterisiert,  daß  sie  mit  bestimmten  Leistungen  und  Dingen  rechnen,
sei  es,  daß  diese  unmittelbar  verwaltet  werden,  oder  daß  Anweisungen  auf
bestimmte  Mengen  oder  Anteile  von  näher  bestimmten  Dingen  und
Leistungen  eine  Rolle  spielen.  Zwischen  diesen  Formen  gibt  es  allerlei
Übergänge.  Insbesondere  müssen  wir  den  Fall  ins  Auge  fassen,  daß  die  Mannigfaltigkeit ­
  der  Auswahl,  welche  für  die  Anweisungen  in  Frage  kommt,  verschieden ­
  groß  sein  kann.  Man  wird  daher  keine  strenge  Scheidung  in  Geldwirtschaft ­
  und  Naturalwirtschaft  vornehmen  können.
Wenn  wir  eine  Zunahme  der  Naturalwirtschaft  annehmen,  so  meinen  wir
damit,  daß  die  Anweisungen  auf  unbestimmte  Arten  von  Dingen  und  Leistungen ­
  eine  geringere  Rolle  als  früher  spielen.  Von  Naturalwirtschaft  im
gegenwärtigen  Zeitalter  zu  sprechen,  widerstrebt  vielen,  weil  sie  die  Naturalwirtschaft ­
  als  eine  primitive  Organisationsform  ansehen  und  wohl  gar  der
Hauswirtschaft  gleichsetzen.  Dazu  besteht  aber  keine  Veranlassung.  Wir
wollen  Naturalwirtschaften  aller  Stufen  unterscheiden  und  neben  naturalen
Staatswirtschaften  auch  eine  Weltwirtschaft  auf  naturaler  Grundlage  in  Erwägung ­
  ziehen.  Jedenfalls  wollen  wir  von  der  Stufenfolge  Naturalwirtschaft,
Geldwirtschaft,  Kreditwirtschaft  absehen.  Um  die  Tatsachen  von  diesem  Standpunkt ­
  aus  vollkommen  beschreiben  zu  können,  bedarf  es  eigentlich  einer  neuen
Namengebung.  Im  folgenden  wollen  wir  uns  darauf  beschränken,  den  Begriff
der  Kauf  breite  des  Geldes  neu  einzuführen  und  ihn  der  K  a  u  f  -
stärke  gegenüberzustellen.  Wir  sagen  von  einer  Geldsumme,  ihre  Kaufbreite ­
  sei  unbeschränkt,  wenn  man  für  sie  Waren  aller  Art  kaufen  kann,
wir  sagen,  ihre  Kaufbreite  sei  beschränkt,  wenn  man  für  sie  bestimmte  Waren
nicht  kaufen  kann.  Kann  man  für  eine  bestimmte  Geldsumme  nur  eine
Warenart  kaufen,  so  ist  das  Geld  zu  einer  Naturalanweisung  geworden,  welche
aber  nach  Geldeinheiten  berechnet  erscheint.  Wenn  man  für  dieselbe  Geldmenge ­
  mehr  Stück  einer  Ware  kaufen  kann  als  vorher,  so  wollen  wir  sagen,
die  Kaufstärke  des  Geldes  gegenüber  dieser  Ware  ist  gestiegen.  Der
übliche  Ausdruck  Kaufkraft  bezieht  sich  im  allgemeinen  auf  das  Verhalten  des
Geldes  der  Warengesamtheit  gegenüber.
ln  der  gegenwärtigen  Kriegswirtschaft  begegnen  wir  der  Naturalwirtschaft ­
  an  mehr  als  einer  Stelle.  Vor  allem  zeigt  sie  sich  auf  dem  Gebiete  des
Tauschhandels,  im  Großverkehr  ebenso  wie  im  Kleinverkehr.  Man  erhält ­
  für  einzelne  Zigarren  Mehl,  für  Waggons  Kohle  unter  Umständen  Waggons
Sauerkraut.  Die  Preisbildung  findet  dabei  meist  in  der  Weise  statt,  daß  Geldpreise ­
  zugrunde  gelegt  werden,  teils  in  der  Weise,  daß  eine  freie  Preisbildung
erfolgt.  Gelegentlich  ist  der  Naturaltausch  auch  behördlich  organisiert  worden,
indem  die  Abgabe  von  Sperrartikeln,  wie  Petroleum,  Zucker  usw.,  an  die  Ablieferung ­
  gewisser  Mengen  von  Butter,  Eiern  und  dergleichen  mehr  gebunden
wurde.  Manche  Waren  nehmen  insoferne  eine  bevorzugte  Stellung  ein,  als
man  für  sie,  so  häufig  für  Tabak,  in  gewissen  Gebieten  mannigfache  Dinge
erhalten  kann.
            
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