Full text : Durch die Kriegswirtschaft zur Naturalwirtschaft

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Es  spielt  aber  nicht  nur  der  Tausch  von  Waren  gegen  Waren,  sondern
auch  jener  von  Waren  gegen  Leistungen  eine  erhebliche  Rolle.  Man
sieht,  wie  immer  häufiger  der  Arbeitslohn  in  Naturalien  ausbezahlt  wird,  oder
der,  welcher  den  Geldlohn  auszahlt^  sofort  für  das  Geld  Naturalien  liefert.
Auch  Behörden  geben  in  dieser  Weise  Lebensmittel  und  andere  Dinge  an  ihre
Beamten  ab,  und  es  ist  sogar  der  Vorschlag  aufgetaucht,  einen  Teil  der  Beamtengehälter ­
  überhaupt  in  Naturalien  auszuzahlen.
Aut  dem  Gebiete  des  Außenhandels  bedeutet  die  Ausbreitung  des  Kompensationsverkehrs, ­
  mit  dessen  Erweiterung  in  der  Zukunft  gerechnet
werden  muß,i)  eine  Erweiterung  der  Naturalwirtschaft.  Es  findet  zwar  eine
Bezahlung  der  Waren  beiderseits  in  Geld  statt,  aber  mit  der  Geldzahlung  ist
gleichzeitig  die  Ablieferung  von  Naturalien  verbunden,  da  der  eine  Staat
z.  B.  Getreide  nur  dann  hinausläßt,  wenn  Kohle  hereinkommt.  Wenn  daher
für  Kohle  Geld  hereinkommt,  so  ist  es  keine  Anweisung  auf  beliebige  Warengattungen, ­
  weil  dieses  Geld  sofort  für  das  Getreide  abgegeben  werden  muß,
dessen  Verkauf  mit  dem  der  Kohle  untrennbar  verbunden  erscheint.  Selbst
wenn  die  Person,  welche  Kohle  verkauft,  mit  jener,  welche  Getreide  kauft,
nicht  zusammenfällt,  ist  doch  durch  die  staatliche  Intervention  die  Verbindung
beider  Geschäfte  bewirkt.
Die  Kauf  breite  des  Geldes  ist  im  zwischenstaatlichen
Verkehr  erheblich  verringert  worden,  weil  es  wenige  Waren  gibt,  welche
nicht  Ausfuhrverboten  unterliegen,  die  im  allgemeinen  nur  durch  Kompensationsabmachungen ­
  durchbrochen  werden.  Ja,  viele  Ausfuhrverbote  werden  zu
dem  Zwecke  erlassen,  um  Kompensationsmittel  in  die  Hand  zu  bekommen.  Im
innerstaatlichen  Verkehr  ist  die  Kaufbreite  des  Geldes  durch  alle
Arten  von  Rationierung  beschränkt  worden,  so  daß  heute  mit  einer  allgemeinen ­
  Verringerung  der  Kaufbreite  des  Geldes  gerechnet
werden  muß.  Diese  Verringerung  der  Kaufbreite  wird  wohl  auch  in  der  Übergangswirtschaft, ­
  vielleicht  sogar  späterhin  eine  gewisse  Rolle  spielen,  wenn
es  dazu  kommen  sollte,  daß  ein  aut  Naturalrechnung  aufgebauter  Wirtschaftsplan ­
  für  die  Maßnahmen  der  Verwaltungswirtschaft  ausschlaggebend ­
  sein  sollte.
Diese  Veränderungen  können  auf  die  Geldordnung  nicht  ohne  wesentlichen
Einfluß  bleiben.  In  der  völlig  freien  Verkehrswirtschaft  hängt  die  Frage,
ob  jemand  eine  Sache,  die  er  brauchen  kann,  kauft  oder  nicht,  nur  von  den
Preisverhältnissen  ab.  In  der  überlieferten  Geldwirtschaft  gab  es  aber  immer
daneben  Fälle,  in  denen  auch  noch  andere  Umstände  in  Frage  kamen.  So
konnte  in  vielen  Ländern  nicht  jeder  beliebige  Mensch  eine  Apotheke  kaufen.
Er  mußte  vielmehr  gewisse  Bedingungen  erfüllen.  Aber  solche  Einschränkungen ­
  der  Wahlfreiheit  waren  für  den  Geldbesitzer  so  selten,  daß  man  von
der  Kaufbreite  zu  sprechen  gar  nicht  notwendig  hatte.  Anders  heute,  wo  die
Kaufbreite  uns  überall  vor  Augen  geführt  wird,  wo  gewisse  Menschen  zu
niedrigen  Preisen  eine  Ware  bekommen,  während  andere  sie  zu  den  höchsten
nicht  erhalten  können.  Diese  Erscheinungen  werden  nun  vielfach  so  beschrieben, ­
  als  ob  es  sich  um  Veränderungen  innerhalb  der  Geldordnung,
nicht  um  solche  der  Geldordnung  selbst  handle.
Daß  ein  solcher  Wandel  eingetreten  ist,  beweist  die  Tatsache,  daß
Schweden  Gold  Zahlungen  in  Verbindung  mit  währungspolitischen  Vorgängen
ablehnte,  oder  daß  Bauern  Geld  Zahlungen  ablehnten.  Wäre  die  Geldordnung
unverändert  geblieben,  so  könnte  der  äußerste  Mangel  keinen  Anlaß  bieten,
Geldzahlungen  irgendwelcher  Art  abzulehnen,  sondern  nur  dazu  führen,  daß
die  Preise  bis  zum  äußersten  an  steigen.  Schweden  würde  dann  eben  für  seine
Waren  sehr  viel  Gold,  die  Bauern  innerhalb  des  Staates  sehr  viel  Noten  oder
Metallgeld  fordern.  Die  Forderung  sofortiger  Zahlung  eines  naturalen  Gegenwertes ­
  ist  ein  Ergebnis  der  Rationierung,  der  Ausfuhrverbote,  kurzum  aller
Erschwerungen,  die  Waren  für  Geld  erhalten  zu  können,  welche  man  benötigt.
Otto  Neurath,  Die  Naturalwirtschaftslehre  und  der  Naturalkalkul
in  ihren  Beziehungen  zur  Kriegswirtschaftslehre.  Weltwirtschaftliches  Archiv,
Oktober  1916,  S.  254  f.  Robert  Liefmann,  Geld  und  Gold,  1916,  S.  230.
            
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