228
XVII.
Die Utopie als gesellschaftstechnische Konstruktion.
(1919.)
Wir leben heute in einer Zeit bewußter Lebensgestaltung.
Breite Kreise der Bevölkerung fühlen sich gedrängt, ihrem Willen für oder
gegen bestimmte Bestrebungen Ausdruck zu geben. Immer deutlicher wird
es, daß es die Schaffung einer neuen Lebensordnung gilt. Auf die Dauer
werden daher nur solche Parteien entscheidend zu wirken vermögen, welche
dies Ziel klar und sichtbar verfolgen, deren Programme die Umrißlinien der
erstrebten Zukunft entwerfen. Sie werden von den Wünschen und Gedanken
erfüllt sein, die seit Jahrhunderten und Jahrtausenden in Phantasieschöpfungen
zahlreicher Dichter und Denker lebendig waren, in den „Utopien“, welche
keine rechte Heimat unter den Menschen zu finden vermochten.
Die meisten Menschen glaubten mit einer gewissen herablassenden Milde
und Nachsicht, wenn nicht gar mit mitleidigem Spott von Utopien und Utopisten
sprechen zu dürfen. Träumereien und Träumer waren sie für die Mehrzahl.
Und doch finden wir bei den Utopisten prophetische Ideengänge, die denen
verschlossen blieben, welche, stolz auf ihren Wirklichkeitssinn, am Gestern
klebten und so nicht einmal das Heute zu beherrschen vermochten. Utopien
als Schilderungen unmöglicher Vorkommnisse zu bezeichnen ist durchaus un
berechtigt, kann man doch einer erdachten Lebensordnung so gut wie niemals
ansehn, ob sie nicht irgendwo und irgendwann Wirklichkeit wird. Weit sinn
voller ist es wohl, alle Lebensordnungen, die nur in Gedanken und Bildern,
nicht aber in der Wirklichkeit vorhanden sind, als Utopien zu bezeichnen,
das Wort Utopien jedoch nicht dazu zu verwenden, etwas über ihre Möglich
keit oder Unmöglichkeit auszusagen. Utopien wären so den Konstruktionen
der Ingenieure an die Seite zu stellen, man könnte sie mit vollem Recht als
gesellschaftstechnische Konstruktionen bezeichnen.
Auch die Maschinentechnik hat in ähnlich phantastischer Weise wie die
Gesellschaftstechnik begonnen. Die Dichtung von Dädalus und Ikarus führt
uns in die Märchenzeit der technischen Konstruktion. Auch die Zeichnungen
Leonardos, die sich mit Flugmaschinen beschäftigen, sind noch wesentlich
phantastischer Art. Vor allem fehlt ihnen die Einordnung in ein System
technischer Konstruktionen. Erst einem späteren Zeitalter war es Vorbehalten,
die Einfälle der Flugtechniker in strengere Bahnen zu lenken, sie für geord
nete praktische Arbeit nutzbar zu machen. Wir selbst haben diese letzte
Periode noch mit erlebt, haben es noch mit erlebt, wie Kreß ein Phantast ge
scholten wurde, weil er mit im ganzen vernünftigen Mitteln das erstrebte,
was wenige Jahre später als Selbstverständlichkeit galt.
Die Gesellschaftstechnik, um diesen Ausdruck zu gebrauchen, beginnt auch
mit märchenhaften Erzählungen vom goldenen Zeitalter, von der fernen Insel
Atlantis geht dann zu bewußten Gestaltungen über, wie sie uns ein Morus, ein
Gäbet, ein Bellamy und schon sehr ausgestaltet ein Rathenau schenkten,
um schließlich auch systematische Konstruktionen ins Leben zu rufen, wie
sie etwa Ballod oder Popper skizzierten. Was gestern als Phantasten
werk galt, erscheint heute bereits als wissenschaftliche Vorarbeit für die
Gestaltung der Zukunft. Wir sind eben zu der Überzeugung gelangt, daß ein
gewaltiger Teil unserer Lebensordnung zielbewußt geformt werden kann, daß
insbesondere Verbrauch und Erzeugung mengenmäßig bestimmt und geregelt
werden können, selbst wenn wir Sitte und Sittlichkeit, Religion und Liebe
zunächst gesellschaftstechnisch noch nicht beherrschen können oder wollen.