Full text: Durch die Kriegswirtschaft zur Naturalwirtschaft

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XVII. 
Die Utopie als gesellschaftstechnische Konstruktion. 
(1919.) 
Wir leben heute in einer Zeit bewußter Lebensgestaltung. 
Breite Kreise der Bevölkerung fühlen sich gedrängt, ihrem Willen für oder 
gegen bestimmte Bestrebungen Ausdruck zu geben. Immer deutlicher wird 
es, daß es die Schaffung einer neuen Lebensordnung gilt. Auf die Dauer 
werden daher nur solche Parteien entscheidend zu wirken vermögen, welche 
dies Ziel klar und sichtbar verfolgen, deren Programme die Umrißlinien der 
erstrebten Zukunft entwerfen. Sie werden von den Wünschen und Gedanken 
erfüllt sein, die seit Jahrhunderten und Jahrtausenden in Phantasieschöpfungen 
zahlreicher Dichter und Denker lebendig waren, in den „Utopien“, welche 
keine rechte Heimat unter den Menschen zu finden vermochten. 
Die meisten Menschen glaubten mit einer gewissen herablassenden Milde 
und Nachsicht, wenn nicht gar mit mitleidigem Spott von Utopien und Utopisten 
sprechen zu dürfen. Träumereien und Träumer waren sie für die Mehrzahl. 
Und doch finden wir bei den Utopisten prophetische Ideengänge, die denen 
verschlossen blieben, welche, stolz auf ihren Wirklichkeitssinn, am Gestern 
klebten und so nicht einmal das Heute zu beherrschen vermochten. Utopien 
als Schilderungen unmöglicher Vorkommnisse zu bezeichnen ist durchaus un 
berechtigt, kann man doch einer erdachten Lebensordnung so gut wie niemals 
ansehn, ob sie nicht irgendwo und irgendwann Wirklichkeit wird. Weit sinn 
voller ist es wohl, alle Lebensordnungen, die nur in Gedanken und Bildern, 
nicht aber in der Wirklichkeit vorhanden sind, als Utopien zu bezeichnen, 
das Wort Utopien jedoch nicht dazu zu verwenden, etwas über ihre Möglich 
keit oder Unmöglichkeit auszusagen. Utopien wären so den Konstruktionen 
der Ingenieure an die Seite zu stellen, man könnte sie mit vollem Recht als 
gesellschaftstechnische Konstruktionen bezeichnen. 
Auch die Maschinentechnik hat in ähnlich phantastischer Weise wie die 
Gesellschaftstechnik begonnen. Die Dichtung von Dädalus und Ikarus führt 
uns in die Märchenzeit der technischen Konstruktion. Auch die Zeichnungen 
Leonardos, die sich mit Flugmaschinen beschäftigen, sind noch wesentlich 
phantastischer Art. Vor allem fehlt ihnen die Einordnung in ein System 
technischer Konstruktionen. Erst einem späteren Zeitalter war es Vorbehalten, 
die Einfälle der Flugtechniker in strengere Bahnen zu lenken, sie für geord 
nete praktische Arbeit nutzbar zu machen. Wir selbst haben diese letzte 
Periode noch mit erlebt, haben es noch mit erlebt, wie Kreß ein Phantast ge 
scholten wurde, weil er mit im ganzen vernünftigen Mitteln das erstrebte, 
was wenige Jahre später als Selbstverständlichkeit galt. 
Die Gesellschaftstechnik, um diesen Ausdruck zu gebrauchen, beginnt auch 
mit märchenhaften Erzählungen vom goldenen Zeitalter, von der fernen Insel 
Atlantis geht dann zu bewußten Gestaltungen über, wie sie uns ein Morus, ein 
Gäbet, ein Bellamy und schon sehr ausgestaltet ein Rathenau schenkten, 
um schließlich auch systematische Konstruktionen ins Leben zu rufen, wie 
sie etwa Ballod oder Popper skizzierten. Was gestern als Phantasten 
werk galt, erscheint heute bereits als wissenschaftliche Vorarbeit für die 
Gestaltung der Zukunft. Wir sind eben zu der Überzeugung gelangt, daß ein 
gewaltiger Teil unserer Lebensordnung zielbewußt geformt werden kann, daß 
insbesondere Verbrauch und Erzeugung mengenmäßig bestimmt und geregelt 
werden können, selbst wenn wir Sitte und Sittlichkeit, Religion und Liebe 
zunächst gesellschaftstechnisch noch nicht beherrschen können oder wollen.
	        
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