124 Vierzehntes Buch. Drittes Kapitel.
aufzusagen gelernt hatte. Im allgemeinen aber ward in
Deutschland die Mitte noch nicht gefunden, die von der mittel—
alterlich-kirchlichen Verabscheuung des Weibes als eines mensch—
lichen Wesens niedrigerer Gattung und von der mittelalterlich—
ritterlichen Vergötterung der Frau mit unsittlichem Endzweck
zu einer echten und natürlichen Wertschätzung der Frau führen
konnte. Die Frau blieb darum der Gesellschaft dieses Zeit—
alters noch fern, und nur in der staunenswerten Vervollkommnung
der weiblichen Handarbeiten, namentlich der Stickerei, wie in
den ausschweifenden Moden, die den Kultus der äußeren Per—
sönlichkeit bis ins Abenteuerliche steigerten, läßt sich der wachsende
Einfluß des Weiblichen erkennen.
Dagegen waren von diesem neuen Leben, wie es sich zunächst
in den führenden bürgerlichen Kreisen bildete, die Angehörigen
andrer Stände keineswegs unter allen Umständen ausgeschlossen.
Schon das ganze Werden des Bürgerstandes verneinte
den Gedanken gesellschaftlicher Engherzigkeit: waren doch die
Bürger aus dem Bereiche der mittelalterlich-agrarischen Arbeits—
teilung in Herrschende und Dienende hervorgegangen, indem
sie die Freiheit jeder Berufsform betont hatten. Außerdem
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Klassen drängen nach oben, sie wollen, wie man sich im 16. Jahr—
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greiflich, daß im Laufe des 14. bis 16. Jahrhunderts eine
Individualisierung der gesellschaftlichen Schichten, zunächst in
den Städten, erfolgte, die dem sich hebenden Teil der
Bevölkerung den Zutritt zu der neuen geistigen Gesell—
schaft erschloß. Schon äußerlich läßt sich das verfolgen in
der Differenzierung der Vorschriften für die sozial abgestufte
Tracht; während hierfür in der ersten Hälfte des 15. Jahr—
hunderts noch sehr einfache Vorschriften mit wenigen Unter—
schieden galten, sollen nach den Luxusgesetzen des 16. Jahr—
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leute auf dem Lande, Bürger und Inwohner in Städten, Kauf—
»Schmoller, Tübinger Zeitschr. 16, 688.