Full text : Sozialismus und Regierung

lokale  Politik  einwirken  muß,  jedoch  ist  unter  einem  System  von  großen
Wahlkreisen  schon  eine  Kandidatur  so  kostspielig  wie  eine  ganze  Liste,
und  Minoritäten,  die  ihre  Kraft  erproben  wollen,  haben  deshalb  dieselben ­
  Auslagen  wie  Majoritäten,  die  bei  den  Wahlen  siegen.  Aus
diesem  Grunde  kann  die  Proportionalvertretung,  was  man  auch
immer  für  sie  als  abstrakte  Theorie  anführen  mag,  nur  einer  politischen
Maschinerie  einverleibt  werden,  die  Minoritäten  Hindernisse  bereitet,
die  sie  jetzt  noch  nicht  kennen.  Analysiert  man  die  Einzelheiten
systematisch,  so  ergibt  sich  folgende  interessante  Tatsache.  Alle
Wahlsysteme  sichern  in  irgendeiner  Weise  den  Minoritäten  eine  Vertretung, ­
  nur  errichtet  jedes  System  einen  ihm  eigentümlichen  Prüfstein, ­
  der  bestimmt  geartete  Minoritäten  begünstigt.  Zweifellos  bevorzugt ­
  unser  heutiges  System  Minoritäten  von  starkem  politischen  Willen,
es  ist  darnach  angetan,  dem  politischen  Eifer  zu  einer  übertriebenen
Machtfülle  zu  verhelfen.  Andererseits  fördert  das  Proportionalwahlsystem ­
  Minderheiten  von  Wohlhabenden,  die  zu  der  politischen  Klasse
der,,Wichtigtuer“  gehören.  Unbestreitbar  bleibt  jedoch,  daß  die  Minoritäten ­
  der  ersten  Kategorie  am  ehesten  versprechen,  der  allgemeinen ­
  Wohlfahrt  und  dem  Fortschritt  zu  dienen.
Wir  können  nun  unsere  Betrachtung  weiter  ausdehnen  und  untersuchen, ­
  ob  das  Hauptziel  der  Proportionalvertretung  dem  Staate
greifbaren  Nutzen  bringt.  Als  diesen  Kardinalzweck  betrachte  ich
eine  Vertretung,  die  alle  in  der  Gesellschaft  vorhandenen  Anschauungen ­
  mit  mathematischer  Genauigkeit  reflektiert.  Wenn  also  die  Maschine ­
  nach  Wunsch  funktioniert,  müßte  im  Parlamente  eine  Gruppe
nicht  untereinander  verbundener  Abgeordneten  sein,  die  die  Stimmungen ­
  und  Vorurteile  von  einzelnen  und  unorganisierten  Wählern
vermittelten.  Woraus  bestehen  nun  diese  Minoritäten?  Distinguierte
Männer,  die  von  dem  lebendigen  Strome  der  Gedanken  und  Aktionen
ihrer  Zeit  isoliert  geblieben  sind,  bilden  einen  Minoritätstypus,  den
die  Proportionalisten  vorzugsweise  im  Auge  haben.  Diese  Männer
haben  entweder  niemals  in  dem  Strome  gestanden,  oder  sie  sind  in
irgendeinem  Augenblick  herausgeschleudert  worden.  Diese  Minorität
würde  Vertreter  von  Rang  und  Würden  in  einer  Lebenssphäre  suchen,
die  der  Politik  fremd  wäre,  und  wenn  die  Wahlkreise  groß  sind,  kann
ihr  auch  die  Wahl  von  einem  oder  zwei  Kandidaten  gelingen.  Dies  war
denn  auch  die  Auffassung  der  ersten  Befürworter  des  Proportionalwahl-8*5

            
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