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oder von Scheingefechten gegen die Opposition abhängt oder auf eine
Gruppe angewiesen ist, die durch Konzessionen befriedigt werden
muß, kann ihre eigene Politik nicht entwickeln, kann ihren Ideen und
ihrem Programm keine Entfaltung gewähren. Ihr Werk ist deshalb ge
brechlich; infolgedessen leidet das Land. Die demokratische Souve
ränität impliziert nicht allein Macht, sondern schließt auch Verant
wortlichkeit in sich. Jedes Ministerium sollte in dem Sinne eine ver
antwortliche Regierung sein, daß sie über eine Majorität verfügt, die
sie zurVerwirklichung ihrer eigenen Tendenzen befähigt. Deshalb sollte
die Legislaturperiode zwei Erfordernissen genügen. Sie sollte so kurz be
messen sein, daß die Regierungen von ihren allgemeinen Instruktionen
nicht erheblich abweichen können, aber doch wieder ausgedehnt ge
nug, daß die Regierung ihre Gedanken auszuführen vermag. Eine Dauer
von 3 oder 4 Jahren scheint der goldene Mittelweg zu sein. Wäre dies die
reguläre Amtszeit der Parlamente, so verlören manche der beunruhigen
den Probleme, die sich auf den Gegensatz zwischen parlamentarischer
Freiheit und Verantwortlichkeit einerseits und der Kontrolle und Sou
veränität des Volkes andererseits beziehen, ihre praktische Bedeutung.
Das System der Regierung durch Parteien zeichnet sich jedoch durch
zwei häßliche Eigenschaften aus, die von den Kritikern scharf ins Auge
gefaßt und auf den Markt gezerrt worden sind, um dort an den Pranger
gestellt zu werden. Die eine ist der „Caucus“, die andere das Kabinett.
Der „Caucus“ ist eine späte Entwicklung. Bis zu den Wahlen von
1874 päsentierten sich die Kandidaten direkt den Wählern. Stand
mehr als ein Kandidat von derselben allgemeinen Couleur im Felde,
so wurde gewöhnlich eine provisorische Wahl vorgenommen oder auf
irgendeinem anderen Wege versucht, den überflüssigen Bewerber zu
eliminieren. Dies war leicht, solange die Wahlkreise klein waren und
die mit dem Wahlrecht frisch ausgestatteten Wähler noch mehr als
ein schläfriges Interesse für ihr neues Spielzeug, die Wahlstimme, be
kundeten. Im Jahre 1874 gab es nicht weniger als 34 Fälle liberaler
Kandidatenzersplitterung, was damals wesentlich zur Niederlage der
Liberalen beitrug. „Offenbar muß etwas geschehen", sagten sich die
Parteiführer. Die großen Kreise und der sorglose Durchschnittswähler
machten dies ziemlich leicht. Die Funktion der Nominierung der Kan
didaten wurde differenziert. Ein Komitee ernannte den Kandidaten und
eichte ihn mit dem offiziellen Stempel, so daß ihm niemand sein Recht