Object: Deutsche Geschichte (Bd. 5, Hälfte 1)

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Einleitung. 
Mit der Entwicklung der städtischen Geldwirtschaft des 
15. Jahrhunderts tritt zum erstenmal der Gegensatz zwischen 
frei individualer und sozial-gebundener Anschauung des Daseins 
schroff hervor; hatte bisher die Gesellschaft geherrscht über die 
Person vermöge der Mittel familienhafter und genossenschaft— 
licher Bindung, so beginnt sich jetzt in den oberen bürgerlichen 
Kreisen und demfolgend auch an den Höfen der Fürsten das 
individualistische Prinzip, der Gedanke einer Gestaltung der 
Welt unter der Voraussetzung der gesellschaftlichen Freiheit des 
Individuums, zu bilden. Kein Zweifel, daß diese geistige Revolu— 
tion als eine unmittelbare Folge sozialer, ihrerseits wiederum 
dielfach politisch und wirtschaftlich bedingter Verschiebungen 
angesehen werden muß; der Nachweis wird in den folgenden 
Kapiteln in tausend Einzelheiten erbracht werden. 
Aber freilich darf demgegenüber Eins nicht übersehen 
werden. Nicht anders, als der Einzelmensch, bewegt sich die 
Menschenwelt in den Gegensätzen des Natürlichen und des 
Geistigen. Damit steht die Geschichtswissenschaft vor denselben 
Problemen, wie die Wissenschaft vom Einzelmenschen; sie sieht 
eine materielle und eine spirituelle Seite vor sich, und auch 
für sie erhebt sich die große Frage nach dem Wie der beider— 
seitigen Verknüpfung. Wird diese Frage jemals, für den 
Einzelmenschen wie für die geschichtliche Welt, eine auf voll— 
kommen induktivem Wege gefundene Antwort erhalten? Oder 
heißt es in beiden Fällen: Ignorabimus? Was hier die Zu— 
unft auch bringen mag: die Gegenwart hat zu gestehen, daß 
sie nur die gegeneinander laufenden Fäden beider Pole, des 
geistigen und des körperlichen, bis zu gewissen Punkten hin zu 
verfolgen vermag, ohne das tiefste Geheimnis ihrer Verknüpfung 
zu erkennen; und die Geschichtswissenschaft wird daraus, nament— 
lich soweit sie in Geschichtsschreibung übergeht, die bescheidene 
Folgerung ziehen müssen, daß eine volle Schilderung des 
Werdens der Menschheit genau so, wie eine befriedigende 
Darstellung des Einzelmenschen, nur von intuitivem, künst— 
erischem Standpunkte aus möglich ist. 
So viel aber mindestens ist für unsere Periode empirisch
	        
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