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leidenschaftliche Liebe gestand. Er sagte, daß schon seit
langem mir sein ganzes Herz gehöre, daß ein Leben
ohne mich für ihn undenkbar sei, daß er mich nicht für
ein gewöhnliches hübsches Mädchen, sondern für ein
höheres, von Gott mit Empfänglichkeit und Begeisterung
für alles Erhabene ausgestattetes und mit moralischer
Macht begabtes Wesen halte usw. Er sprach dies alles mit
solch glühenden, leidenschaftlichen Ausdrücken, daß sie sich
nicht wiedergeben lassen. Er flehte mich an um Gegenliebe,
so heftig und unabweisbar. Es schien, als ob jeder
Gesichtsmuskel das, was seine Worte aussprachen, ab
spiegelte. Ich stand vor ihm wie betäubt. Da trat
mein Vater herzu. Ich wollte eben Lassalle offenherzig
gestehen, daß ich ihn mit solcher Liebe nicht liebe, daß
ich noch nicht diese Glut, dieses Feuer kenne; daß meine
Seele noch frei sei, aber er flüsterte nur entschieden zu:
„Später! Wie auch Ihre Antwort sein niöge, ich
will sie allein hören, niemand, selbst Ihr Vater nicht,
darf dabei sein."
Nach diesen Worten ging Lassalle schnell hinaus. Ich
stand unbeweglich. Auf die Frage meines Vaters, was
mir sei, fing ich an, alles, Wort für Wort, ihm, meinen!
besten Freunde, von dessen Seele ich ein Teil zu
sein mir bewußt war, zu sagen — alles, was sich zuge
tragen. Dieses Feuer, diese Leidenschaft hatten mich er
schüttelt, ich war davon betäubt, noch mehr, ich fühlte
mich geschmeichelt, ich war gerührt — aber mein Herz
schwieg.
Mein Vater war fürchterlich aufgeregt. Er hatte schon
lange bemerkt, wie stark die Persönlichkeit Lassalles
auf meine jugendliche Einbildungskraft gewirkt hatte.