Full text : Die deutsche Hausindustrie

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IV.  Kap.Wirtschaftliche  und  foziale  Zuftände  in  der  Hausinduftrie

derfelben  fenkenden  Richtung  tätig.  Gegentendenzen  treten  für  breite  Schichten
der  Arbeiterfchaft  gar  nicht  auf.  So  kann  der  Lohn  in  der  Heimarbeit  oft
unter  jene  Linie  herabfallen,  welche  fonft  die  Arbeiterfchaft  in  den  meiften
Gewerben  als  unüberfchreitbare  Grenze  hütet,  unter  das  Exiftenzminimum.
Es  ift  für  viele  Heimarbeiter  Tatfache,  dajz  hinfichtlich  der  Geftaltung  ihrer
Löhne  nicht  einmal  Laffalles  ehernes  Lohngefetz  (wenn  anders  es  richtig  wäre)
die  richtige  Formel  abgeben  würde.  Der  Lohn  bleibt  hier  nicht  auf  den  notwendigen ­
  Lebensunterhalt  reduziert,  er  gravitiert  nicht  um  diefen  Punkt  herum,
ohne  fich  dauernd  über  ihn  zu  erheben  oder  unter  ihn  bedeutend  zu  fallen.
Er  hat  leider  für  nicht  wenige  Heimarbeiter  die  Tendenz,  dauernd  unter  jenen
Punkt  herabzu  finken.
Es  wird  freilich  zu  viel  behauptet,  wenn  das  Exiftenzminimum,  oder  beffer
die  allgemeine  Schätzung  des  Exiftenzminimums  für  die  Lohnbemeffung
in  der  Heimarbeit  als  ganz  belanglos  hingeftellt  wird.  Wo  die  Lebensmittelpreife,
  alfo  die  Unterhaltskoften  höher  find,  treffen  wir  auch  durchweg  höhere
Heimarbeitslöhne  für  diefelbe  Arbeit,  als  an  Orten,  wo  die  Menfchen  mit  geringem ­
  Ausgaben  ihr  Leben  friften.  In  der  fchon  öfter  erwähnten,  von  Gaebel
bearbeiteten  Statiftik  find  in  einem  Diagramm  für  verfchiedene  Städte  des
Reiches  Mietpreife  und  Lohnhöhe  nebeneinandergeftellt  (a.  a.  0.  42),  und
es  zeigt  fich  ein  faft  lückenlofes  Parallellaufen  beider  Linien.  Während  in  den
meiften  Städten  des  deutfchen  Weftens  (einfchiiefzlich  Berlins)  bei  höhern
Mieten  auch  verhältnismäjzig  höhere  Heimarbeitslöhne  anzutreffen  find,
finken  gegen  Often  zu  mit  fallender  Miete  auch  die  Löhne.  Das  bedeutet,
zumal  wenn  man  die  Mietpreife  als  Ausdruck  der  Lebensmittelpreife  überhaupt ­
  betrachtet,  nichts  anderes  als:  die  Unterhaltskoften,  das  Exiftenzminimum, ­
  üben  einen  beftimmenden  Einflujz  auf  die  Höhe  des  Lohnes  aus.
Stellt  man  fich  das  Zufammenwirken  der  Lohnfaktoren  in  der  Heimarbeit
in  einem  Parallelogramm  der  Kräfte  vor,  fo  wird  die  Refultante  ihre  Richtung
für  gewöhnlich  tief  nach  unten  nehmen.  Anderfeits  zeigt  die  Analyfe  der
Faktoren,  dajz  diefe  in  ihrer  Wirkung  auch  beeinflujzt  und  verändert  werden
können  und  dajz  die  Refultante  aus  ihrer  Tieflage  etwas  gehoben  werden  kann.
Jedenfalls  ift  es  nicht  richtig,  in  Anbetracht  der  geringen  Löhne  für  die  gefamte
Hausinduftrie  den  Abfterbeprozejz  zu  befürworten.  Diefer  ift  angebracht  für
Induftrien,  die  durch  kein  Mittel  mehr  am  Leben  zu  erhalten  find,  ln  andern
Induftrien,  die  wegen  perfönlicher  und  wirtfchaftlicher  Verhältniffe  vieler
Menfchen  der  Erhaltung  wert  find,  ift  eine  Sanierung  möglich.  Zunächft
können  einige  Lohnfaktoren  in  ihrer  Wirkung  bedeutend  abgefchwächt  werden.
So  ift  in  gewiffen  Hausinduftrien  die  Technik  einer  Vervollkommnung  fähig,
            
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