Full text : Geschichte der volkswirtschaftlichen Lehrmeinungen

Kapitel  II.  Adam  Smith.

75

stand,  als  Niederlage  für  die  Einfuhr  des  amerikanischen  Tabaks  zu
dienen 1 ).
Das  Werk  Smith’s  ist  weit  davon  entfernt,  eine  prophetische
Ankündigung  der  neuen  industriellen  Gesellschaft,  die  sich  vorbereitete, ­
  zu  sein.  Man  bemerkt  in  ihm  im  Gegenteil,  auch  bei  oberflächlichem ­
  Durchlesen,  daß  ihm  die  „Kaufleute  und  Fabrikanten“
ungemein  antipathisch  waren.  Gegen  sie  wenden  sich  seine  Sarkasmen
und  seine  Kritik.  Während  die  Interessen  der  Großgrundbesitzer
und  der  Arbeiter  ihm  fast  immer  als  in  Übereinstimmung  mit  dem
allgemeinen  Interesse  des  Landes  erscheinen,  fallen  die  der  Kaufleute ­
  und  der  Fabrikanten,  sagt  er  „niemals  ganz  mit  dem  öffentlichen ­
  Interesse  zusammen“;  „sie  haben  gewöhnlich  ein  Interesse
daran,  das  Publikum  zu  täuschen  und  sogar  zu  drücken“;  auch  „haben
sie  es  wirklich  bei  vielen  Gelegenheiten  getäuscht  und  gedrückt“  2 ).
v  Zwischen  den  Kapitalisten  und  den  Arbeitern  schwankt  Adam
Smith  nicht.  Aus  mehr  als  einer  Stelle  wird  leicht  ersichtlich,  daß
alle  seine  Sympathien  den  Arbeitern  gehören.  Man  könnte  zahlreiche
Stellen  hierfür  anführen.  Es  möge  genügen,  die  verschiedene  Art
und  Weise  zu  erwähnen,  in  der  er  von  den  hohen  Löhnen  der  Arbeiter ­
  und  dem  großen  Gewinn  der  Kapitalisten  spricht.  Sind  die
hohen  Löhne  der  Gesellschaft  vorteilhaft  oder  nicht?  fragt  er.  „Die
Antwort  scheint  beim  ersten  Anblick  außerordentlich  einfach.  Dienstboten, ­
  Tagelöhner  und  Arbeiter  aller  Art  machen  den  bei  weitem
größten  Teil  jeder  Staatsgesellschaft  aus.  Was  nun  aber  die  Umstände ­
  des  größten  Teiles  verbessert,  kann  nicht  als  ein  Nachteil  des
Ganzen  angesehen  werden.  Es  kann  sicherlich  eine  Gesellschaft
nicht  blühend  und  glücklich  sein,  deren  meiste  Glieder  arm  und  elend
sind.  Überdies  ist  es  nicht  mehr  als  billig,  daß  diejenigen,  die  den
ganzen  Körper  des  Volkes  mit  Nahrung,  Kleidung  und  Wohnung
versorgen,  an  dem  Erzeugnis  ihrer  eigenen  Arbeit  so  viel  Anteil
haben,  um  selbst  erträglich  wohnen,  sich  kleiden  und  nähren  zu
können s ).
Handelt  es  sich  dagegen  um  große  Gewinne,  dann  ändert  Smith
hen  Ton.  Er  ist  der  Meinung,  daß  sie  den  Preis  der  Lebensmitttel
v |el  mehr  als  hohe  Löhne  in  die  Höhe  treiben,  und  er  apostrophiert
hie  Kapitalisten  in  folgender  ironischer  Auslassung:  „Unsere  Kauf-Jeute
  und  Fabrikherren  klagen  sehr  über  die  schlechten  Wirkungen ­
  des  hohen  Lohnes,  der  den  Preis  ihrer  Güter  hinauftreibt
u . n d  dadurch  den  Verkauf  derselben  im  In-  und  Auslande  verringert;
Sle  sagen  aber  nichts  von  den  schlechten  Wirkungen  des  hohen  Ge-1
 )  -Rae,  Life  of  Ä.  Smith,  S.  89,
2 )  Völkerreichtum  I,  8.  150,  B.  I,  Kap.  XI  am  Ende.
3 )  Völkerreichtum  I,  S.  44—45,  B,  I,  Kap.  VIII.
            
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.