Full text : Geschichte der volkswirtschaftlichen Lehrmeinungen

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Kapitel  III.  Die  Pessimisten.

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wisse  Tragik  bei  einem  Manne,  der  seinem  Leben  durch  Gift  ein
Ende  machte,  um  der  Guillotine  zu  entgehen.  Wenn  aber  der  Tod
abgeschaift  werden  soll,  so  stellt  sich  Condoecet  die  gleiche  Frage
wie  Godwin:  wie  wird  die  Erde  dann  die  Menschen  ernähren
können?  Er  gibt  etwa  die  gleiche  Antwort:  nämlich,  entweder  wird
die  Wissenschaft  dazu  gelangen,  die  Nahrungsmittel  über  jede  denkbare ­
  Grenze  hinaus  zu  vermehren,  oder  aber  die  Vernunft  wird
ein  unbedachtes  Überhandnehmen  der  Bevölkerung  zu  verhindern
wissen.
Unausbleiblich  mußte  ein  so  stürmischer  Optimismus  eine  Reaktion
hervorrufen,  auf  Grund  des  ewigen  Rhythmus,  der  die  Geschichte
der  Ideen,  wie  die  der  Tatsachen  beherrscht.  Diese  Reaktion  ließ
auch  nicht  auf  sich  warten  und  erschien  in  der  malthusischen  Abhandlung. ­
  .
Den  Behauptungen,  daß  dem  Fortschritte  des  Menschengeschlechtes
zu  Reichtum  und  Glück  keine  Grenzen  gezogen  seien,  und  daß  die
Befürchtung,  es  werde  eines  Tages  zuviel  Menschen  auf  der  Erde
geben,  grundlos  sei  oder  auf  jeden  Fall  sich  auf  so  weit  vor  uns
liegende  Zeiten  beziehe,  daß  es  nicht  der  Mühe  lohne,  sich  damit  zu
beschäftigen,  hielt  Malthus  als  Antwort  entgegen,  daß  gerade  hierin
das  fast  unüberwindliche  Hindernis  bestehe,  ein  Hindernis,  das  sich
nicht  erst  in  ferner  Zukunft  einstellen  werde,  sondern  das  seit  Anbeginn ­
  in  seiner  ganzen  drängenden  Notwendigkeit  bestanden  habe
und  auch  heute  vorhanden  sei 1 ).  Von  Anfang  aller  Zeiten  an  habe
das  Zuviel  an  Menschen  den  Fortschritt  des  Menschengeschlechtes
schwer  gehemmt,  ein  Fels  des  Sisyphus,  den  es  je  und  je  gewälzt
habe,  und  unter  dessen  Last  es  zusammenbreche.  Die  Natur  habe  in
den  Menschen  einen  Instinkt  gelegt,  der,  sich  selbst  überlassen,  ihn
dem  Hunger,  dem  Tode  und  dem  Laster  überantworte.  Hierin  liegt
die  Tatsache,  die  alle  Leiden  der  Menschen  bedingt,  ohne  daß  sie
die  Ursache  kennen;  die  Tatsache,  die  den  Schlüssel  zur  Geschichte
der  menschlichen  Gesellschaften  und  ihres  Elendes  liefert.
Jeder,  auch  der,  der  soziologischen  Studien  fernsteht,  kennt  die
einfachen  Formeln,  durch  die  Maltkus  einerseits  die  unheimliche
Schnelligkeit  der  sich  selbst  überlassenen  Bevölkerungsvermehrung,
dali  der  Zeitraum  zwischen  dem  Augenblick,  in  dem  er  zu  leben  anfängt,  und  dem,
ln  dem  er  zu  leben  aufhört,  endlos  ausgedehnt  werden  kann?“
l )  Kap.  VIII  trägt  die  Überschrift:  „Über  den  Irrtum,  anzunehmen,  daß  die
aus  der  Bevölkerung  erwachsende  Gefahr  noch  weit  entfernt  sei“  .  .  .  „Es  gibt
sehr  wenig  Länder,  in  denen  man  nicht  ein  beständiges  Streben  der  Bevölkerung,
über  ihre  Unterhaltsmittel  hinaus  zu  wachsen,  wahrnimmt.  Dieses  in  seiner  Aktion
beständige  Streben  wirkt  nicht  weniger  beständig  darauf  hin,  die  unteren  Klassen
der  Gesellschaft  ins  Elend  zu  stürzen  und  widersetzt  sich  jeder  Verbesserung  ihrer
Kage“  (S.  16).
            
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