Full text : Geschichte der volkswirtschaftlichen Lehrmeinungen

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Erstes  Buch.  Die  Begründer.

Kann  ‘man  jedoch  der  Notwendigkeit  nicht  entrinnen,  Felder
zweiter  oder  dritter  Klasse  zu  bewirtschaften?  Kann  man  nicht  zunächst ­
  durch  intensivere  Kultur  den  Ertrag  der  alten  Felder  erhöhen?
Zweifellos  kann  man  dies  bis  zu  einem  bestimmten  Punkte.  Es  ist
aber  widersinnig  zu  glauben,  daß  man  auf  einer  begrenzten  Oberfläche ­
  eine  unbegrenzte  Menge  Lebensmittel  hervorbringen  kann.
Überall  gibt  es  eine  allerdings  elastische  Grenze,  die  der  Fortschritt
in  der  landwirtschaftlichen  Wissenschaft  sicherlich  weit  über  jede
Voraussicht  hinaus  zurückschieben  kann;  aberlange  bevor  der  Landwirt ­
  diese  ideale  Grenze  erreicht  hat,  stellt  er  die  Arbeit  ein,  weil
ihn  die  Praxis  gelehrt  hat,  daß  „der  Preis  nicht  die  Mühe  lohnt“,
wie  das  Sprichwort  sagt,  nämlich,  daß  der  Mehraufwand  an  Arbeit
und  Kosten,  der  zu  leisten  wäre,  den  Mehrertrag,  den  er  erhalten
kann,  bedeutend  übersteigt.  Das  nennt  man  das*Gesetz  des  sinkenden ­
  Bodenertrages 1 ).
Dieses  Gesetz  bildet  einen  integrierenden  Bestandteil  der  Ricardoschen
  Theorie,  ohne  dessen  Berücksichtigung  sie  unverständlich  bleibt,
wie  es  auch  der  malthusischen  Theorie  unausgesprochen  zugrunde
lag.  Übrigens  ist  es  schon  von  Xjjegöt  entdeckt  und  mit  bewunderungswürdiger ­
  Kraft  und  Klarheit  formuliert  worden:  '„Man  kann
niemals  annehmen,  daß  verdoppelte  Aufwendungen  das  Produkt  veri
  doppeln  2 ).“  *  Und  Malthüs  wiederholt  nur,  wahrscheinlich  ohne  sie

*)  Gewisse  Kritiker,  wie  Fontenay,  ein  Schüler  Bastiat’s,  stellen  den  Satz  auf
daß  ein  Feld  sehr  wohl  aus  der  vierten  Kategorie  der  Ertragsfähigkeit  in  die  erste
übergeführt  werden  könne,  wenn  ein  intelligenter  Landwirt,  anstatt'Getreide  darauf
zu  bauen,  es  zu  einem  Weinberg  oder  vielleicht  zu  einer  Rosenkultur  benutzte.  Doch
fällt  das  aus  dem  Rahmen  der  Frage:  das  Gesetz  der  Bodenrente  setzt  Erzeugnisse
gleicher  Art  voraus,  da  sie  gerade  auf  Grund  dieser  Übereinstimmung  zum  gleichen
Preis  verkauft  werden.  Wenn  schlechtes  Getreideland  erstklassiges  Rosenland  wird,
so  ist  das  schön  und  gut,  aber  es  hat  dann  nichts  mehr  mit  Getreide  zu  tun  und
muß  unter  Eosenland  eingeschätzt  werden.  Mit  dem  Tag,  an  dem  man  ein  zur
Rosenkultur  weniger  günstiges  Land  für  denselben  Zweck  in  Angriff  nimmt,  wird
es  eine  Bodenrente  abwerfen.
2 J  Türgot,  Observations  sur  un  Memoire  de  M.  de  Saint-Peravy,
(Buvres  I,  S.  420.
„Man  kann  niemals  annehmen,  daß  die  Verdoppelung  der  Vorschüsse  eine  Verdoppelung ­
  des  Ertrages  ergebe  .  .  .“
„Es  ist  mehr  als  wahrscheinlich,  daß  jede  Erhöhung  der  Vorschüsse,  die  nach
und  nach,  bis  zu  dem  Punkte,  wo  sie  nichts  mehr  einbringen,  vorgenommen  wird,
einen  nach  und  nach  geringer  werdenden  Ertrag  bringen.  In  diesem  Falle  würde
es  mit  der  Ertragsfähigkeit  des  Bodens,  wie  mit  einer  elastischen  Feder  stehen,  die
man  durch  eine  wachsende  Belastung  mit  gleichen  Gewichten  zu  spannen  trachtet.
Wenn  das  Gewicht  leicht  ist,  und  die  Feder  nicht  sehr  elastisch,  wird  die  Wirkung
der  ersten  Belastungen  fast  Null  sein.  Wenn  das  Gewicht  genügend  schwer  wird,
um  den  ersten  Widerstand  zu  überwinden,  wird  die  Feder  bemerkbar  nachgeben  und
sich  biegen;  wenn  sie  aber  bis  zu  einem  bestimmten  Punkt  gebogen  ist,  wird  sie
            
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