Full text : Geschichte der volkswirtschaftlichen Lehrmeinungen

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Erstes  Buch.  Die  Begründer.

schäften  anfangen,  wo  das  Hektoliter  Getreide  15  Arbeitsstunden
erfordert.  Sogleich  wird  der  Wert  des  Getreides  im  gleichen  Verhältnis ­
  steigen  und  sich  auf  15  Fr.  erhöhen,  wodurch  die  Besitzer
des  Landes  erster  Klasse  einen  Mehrwert,  einen  Bonus,  von  5  Fr.
erhalten.  Hiermit  tritt  die  Bodenrente  erstmalig  in  Erscheinung.
Mit  der  Zeit  werden  Felder  dritter  Klasse  in  Bewirtschaftung  genommen, ­
  auf  denen  ein  Hektoliter  Getreide  eine  Arbeitszeit  von
20  Stunden  benötigt.  Sofort  steigt  der  Getreidepreis  auf  20  Fr.  Die
Besitzer  der  ersten  Klasse  finden  nun  ihren  Bonus,  ihre  Bodenrente,
um  eine  Stufe  erhöht,  nämlich  von  5  Fr.  auf  10  Fr.  für  den  Hektoliter ­
  und  die  Besitzer  des  Bodens  zweiter  Klasse  erhalten  ihrerseits
einen  Bonus  von  5  Fr.  für  den  Hektoliter.  So  entsteht  unterhalb  der
ersten  Klasse  eine  neue  Klasse  von  bescheideneren  Rentenbeziehern.
Mit  dem  Tage,  an  dem  man  gezwungen  sein  wird,  Boden  vierter
Kategorie  in  Bearbeitung  zu  nehmen,  werden  die  Besitzer  des  Bodens
dritter  Klasse  ihrerseits  zu  Rentenbeziehern  usw. 1 ).
Man  hat  dieser  Theorie  vorgeworfen,  daß  diese  Hierarchie  der
Bodenklassen  für  die  Zwecke  der  Beweisführung  erfunden  worden
sei.  In  diesem  Punkte  jedoch  hat  Ricardo  im  Gegenteil  weiter  nichts
getan,  als  in  wissenschaftlicher  Sprache  das  auszudrücken,  was  jeder
Bauer  meint,  wenn  er,  ohne  zu  zögern  und  auf  Grund  einer  Überlieferung ­
  von  Vater  auf  Sohn,  sagt:  „Das  ist  guter  Boden,  das  ist
schlechter  Boden!“
Ricardo,  den  man  stets  als  rein  abstrakten  Geist  hinstellt,  war
ein  sehr  praktischer  Mensch  und  ein  sehr  guter  Beobachter,  der
weiter  nichts  getan  hat,  als  •  die  Tatsachen,  die  sich  vor  ihm  abspielten, ­
  und  die  die  öffentliche  Meinung  und  das  Parlament  beschäftigten, ­
  in  Formeln  zu  fassen.  Denn  die  Erhöhung  der  Bodenrente, ­
  die  auf  die  Erhöhung  der  Getreidepreise  am  Ende  des  18.
und  am  Anfang  des  19.  Jahrhunderts  folgte,  war  die  eindrucksvollste
Tatsache  in  der  wirtschaftlichen  Geschichte  Englands.  Im  ganzen
Verlauf  des  18.  Jahrhunderts,  bis  1796,  war  der  Höchstpreis  des
Getreides  60  sh  und  einige  Pence  pro  Quarter  gewesen.  1795  aber
stand  der  Preis  auf  92  sh,  und  1801  fast  auf  dem  dreifachen  des
alten  Preises,  nämlich  auf  177  sh!  Dieser  exorbitante  Preis,  der
allerdings  keine  besondere  Dauer  hatte,  geht  auf  außergewöhnliche
Ursachen  zurück,  unter  denen  hauptsächlich  die  Kriege  gegen  Napoleon
und  die  Kontinentalsperre  anzuführen  sind.  Trotzdem  aber  stand
der  Durchschnitt  in  den  Jahren  1810—1813  auf  106  sh 2 ).
0  „Mit  jedem  Bevölkerungszuwachs,  der  eine  Nation  zur  Inangriffnahme  der
Lebensmittelerzeugung  durch  Bestellung  geringerwertiger  Felder  zwingt,  steigt  die
Pacht  der  höherwertigen  Felder“  (S.  47).
2 )  Nach  Cannan’s  prächtigem  Buch  „History  of  the  theories  of  produc-
            
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