Full text : Geschichte der volkswirtschaftlichen Lehrmeinungen

Kapitel  II.  Saint-Simon,  die  Saint-Simonisten  u.  d.  Ursprung  des  Kollektivismus.  237

Grundsätzen  er  bisher  gefolgt  zu  sein  scheint,  hinausführt,  —  und  die
ihn  dem  Sozialismus  nähert.  Der  Kollektivismus  Marx’  sammelt
sorgfältig  diese  verschiedenen  Gedanken,  in  denen  Fhiedexch  Engels
die  Hauptbedeutung  Saint-Simon’s  sieht , ).  Pkoudhon  nimmt  sie
seinerseits  auf  und  stellt  als  ideales  Ziel  die  vollständige  Aufsaugung,
das  Verschwinden  der  Regierung  in  der  wirtschaftlichen  Organisation
hin.  Heute  finden  wir  es  bei  den  verschiedensten  Denkern  wieder,
z.  B.  bei  A.  Mengeb,  in  der  Beschreibung  seines  „volkstümlichen
Arbeitsstaates“  2 ),  wie  auch  bei  Soeel,  der  in  einer  charakteristischen
Stelle  behauptet:  „daß  der  Sozialismus  dahin  strebt,  die  Ordnung
der  Werkstatt  auf  die  Gesellschaft  zu  übertragen“  s ).
Daher  unterscheidet  sich  der  Industrialismus  Saint-Simon’s  klar  1
von  dem  wirtschaftlichen  Liberalismus  durch  die  ganz  neue  Bolle,  ;
die  er  der  Regierung  zuteilt 4 ).
Obgleich  Saint-Simon  dem  Sozialismus  eine  seiner  Grundideen
geliefert  hat,  kann  man  doch  nicht  sagen,  daß  er  Sozialist  gewesen
sei,  wenn  nämlich,  wie  wir  glauben,  das  Wesen  des  Sozialismus  darin
besteht,  das  Privateigentum  abzuschaffen.  Allerdings  bat  Saint-Simon
in  einem  berühmten  Satz  davon  gesprochen,  das  Grundeigentum  umzuformen ­
  s ).  Aber  dieser  Satz  steht  allein.  Wir  haben  oben  gesehen,
*)  F,  Engels,  Herrn  Eugen  Dührings  Umwälzung  der  Wissenschaft, ­
  4.  Ausg.,  S.  277.  Dieses  Kapitel  des  ENGBLs’schen  Buches  stammt  vollständig
Von  Marx.
*)  A.  Mengek,  Neue  Staatslehre  (Jena,  1903).
3 )  Der  vollständige  Text  lautet:  „Der  Sozialismus  strebt  darnach,  die  Ordnung
der  Werkstätte  auf  die  der  Gesellschaft  zu  übertragen  ...  In  den  erprobten  Gebräuchen ­
  der  Werkstatt  liegt  sicherlich  die  Quelle,  aus  der  das  zukünftige  Recht
entstehen  wird;  der  Sozialismus  wird  nicht  nur  die  Ausrüstung  der  Werkstatt,  die
der  Kapitalismus  geschaffen  hat,  und  die  Wissenschaft,  die  sich  auf  die  technische
Entwicklung  aufbaut,  erben,  sondern  auch  die  Kooperationsformen,  die  sich  nach  und
nach  in  den  Fabriken  ausgebildet  haben,  um  den  größtmöglichen  Vorteil  ans  der  Zeit,
den  Kräften  und  der  Geschicklichkeit  der  Menschen  zu  ziehen.“  .  .  .  Etwas  vorher:
„Alle  Dinge  müssen  nach  dem  Vorbilde  einer  Werkstatt  behandelt  werden,  die  voller
Ordnung,  ohne  verlorene  Zeit  und  ohne  Launenhaftigkeit  arbeitet“  (G.  Sorbl:  Le
Syndicalisme  revolutiounaire;Monvement  Socialiste,  l.u.  16.  Nov.  1906).
4 )  Saint-Simon  zitiert  oft  mit  großem  Lobe  Say  nnd  Smith.  Doch  macht  er
dem  ersteren  den  Vorwurf,  die  Politik  von  der  Volkswirtschaft  getrennt  zu  haben,
anstatt  sie  darin  aufgehen  zu  lassen  und  nur  „ganz  unbestimmt  und  wie  trotz  seiner
selbst  „gefühlt  zu  haben“,  daß  die  Volkswirtschaft  die  einzige  und  wirkliche  Grundlage ­
  der  Politik  ist“  (Lettres  ä  un  Americain,  (Euvres,  II,  8.  185).
5 )  Dafür,  daß  Saint-Simon  unter  die  Sozialisten  zu  rechnen  ist,  werden  im  allgemeinen ­
  zwei  Gründe  angeführt:  1.  Das  Interesse,  das  er  in  gewissen  Stellen  seiner
Schriften  für  die  niederen  Klassen  zeigt;  2.  die  von  ihm  über  eine  Reform  des  Eigen-Uuns
  geäußerte  Meinung.  Doch  hat  keine  der  hierfür  angezogenen  Textstellen  die
Iragweite,  die  man  ihnen  gewöhnlich  zuspricht.  Mit  Hinsicht  auf  den  ersten  Punkt
w ird  häufig  eine  berühmt  gewordene  Stelle  aus  dem  Nouveau  Christianisine
angeführt;  die  Menschen,  heißt  es  da,  „sollen  die  Gesellschaft  in  der  Weise  organi-
            
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