Full text : Geschichte der volkswirtschaftlichen Lehrmeinungen

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Zweites  Buch.  Die  Gegner.

Ausbeutung  unter  den  verschiedensten  Umständen  in  unserer  wirtschaftlichen ­
  Welt  auf.  Auch  ist  sie  nicht  nur  auf  die  Beziehungen
zwischen  Arbeitgeber  und  Arbeitnehmer  beschränkt.  Sie  tritt  jedesmal ­
  ein,  sobald  eine  Person  irgendeine  „Ausnahmslage“  (Unwissenheit, ­
  Furchtsamkeit,  Schwäche,  Vereinsamung  eines  anderen)
dazu  mißbraucht,  um  Dienste  oder  Waren  zu  einem  zu  niedrigen  oder
zu  hohen  Preise  zu  kaufen  oder  zu  verkaufen.
Für  die  Saint-Simonisten  dagegen  ist  die  Ausbeutung  ein
organischer  Fehler  unserer  sozialen  Ordnung.  Sie  ist  unlöslich
mit  dem  Privateigentum  verbunden,  deren  notwendige  Folge  sie  ist.
Sie  ist  nicht  ein  einfacher  Mißbrauch,  sondern  das  besondere  Kennzeichen ­
  des  ganzen  Systems,  da  ja  die  grundlegende  Eigenschaft  des
Eigentums  gerade  auf  dem  Eecht  beruht,  ein  Erzeugnis  ohne  Arbeit
zu  erlangen.  Daher  ist  die  Ausbeutung  auch  nicht  nur  auf  die
mit  ihren  Händen  Arbeitenden  beschränkt.  Sie  umfaßt  alle,  die  dem
Eigentümer  Tribut  zahlen  müssen.  Auch  der  Industrieunternehmer
leidet  darunter  durch  die  Zinsen,  die  er  seinem  Geldgeber  zahlen  muß 1 ).
Der  Profit  des  Unternehmers  beruht  aber  nicht  auf  einer  Ausbeutung ­
  des  Arbeiters;  er  ist  einfach  der  Lohn  der  mit  der  Leitung
verbundenen  Arbeit.  Selbstverständlich  kann  auch  der  Arbeitgeber
seine  Stellung  mißbrauchen,  um  den  Lohn  des  Arbeiters  übermäßig
herabzudrücken;  in  diesem  Sinne  sagen  die  Saint-Simonisten  in  der
gleichen  Weise  wie  Sismondi,  daß  der  Arbeiter  ausgebeutet  wird.
Das  ist  aber  durchaus  keine  Notwendigkeit.  Im  Gegenteil  läßt  der
Saint-Simonismus  in  der  Industriegesellschaft  der  Zukunft  durchblicken,
  daß  für  besondere  Fähigkeiten  große  Löhne  gezahlt  werden 2 ).
Und  das  ist  ein  bemerkenswerter  Punkt  ihrer  Theorie.
Auch  Marx  hält  die  Ausbeutung  für  einen  organischen
Fehler  des  Kapitalismus.  Er  gibt  aber  diesem  Worte  einen  ganz
anderen  Sinn  als  die  Saint-Simonisten.  Indem  er  auf  den  englischen
Sozialisten  fußt,  sieht  er  den  Ursprung  der  Ausbeutung  in  einer  Be-Sonderheit
  des  Tausches.  Für  ihn  schafft  einzig  die  Arbeit  des  -
Handarbeiters  den  Wert  der  Produkte;  infolgedessen  können  sowohl

•)  „Heute  wird  die  ganze  Menge  der  Arbeitenden  von  den  Menschen  ausgebeutet,
deren  Eigentum  sie  benutzen;  auch  die  Führer  der  Industrie  unterliegen  dieser  Ausbeutung ­
  in  ihren  Beziehungen  zu  den  Eigentümern,  wenn  auch  in  einem  unvergleichlich ­
  schwächeren  Grade;  ihrerseits  wieder  haben  sie  an  den  Privilegien  der
Ausbeutung  Teil,  die  mit  ihrem  ganzen  Gewicht  auf  der  Arbeiterklasse  liegt,  d.  h.
auf  der  so  ungeheuer  grollen  Mehrzahl  der  Arbeitenden“  (Doctrine  de  Saint-Simon,
  S.  176).
2 )  „Wir  glauben,  daß  die  Gewinne  sinken  und  die  Löhne  steigen;  doch  wir
schließen  in  das  Wort  Lohn  den  Gewinn  des  industriellen  Unternehmers  ein,  da  wir
diesen  Gewinn  als  den  Preis  seiner  Arbeit  betrachten“  (Le  Producteur,  I,  S.  245).
Der  Aufsatz  stammt  von  Enfantin.
            
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